Das Leben ist ein Traumspiel. Der Zuschauer gewahrt zu Beginn der Inszenierung eine im Bhnenzentrum schlafende Figur. Hinter ihr werden auf einer Leinwand nebelverhangene Bilder von Baumstmmen oder Gest projiziert. Die Bume des blhenden Gartens, der Anton Tschechows Theaterstck von 1904 den Titel gibt, erscheinen so als unfassbare Visionen. Zahlreiche braune Koffer sumen statt ihrer die Bhne zu Anfang und gegen Ende der Inszenierung. Eine bunt zusammengewrfelte Gesellschaft befindet sich fortwhrend im Aufbruch. Trotz zahlreicher Dialoge bleiben genaue Hintergrnde und Motive der Aufbrche im Dunkeln. Die Figuren reden meist aneinander vorbei. Sie werden in der Interaktion von wechselhaften und spontanen Stimmungen geleitet, wenn es etwa heit:

Lassen Sie mich. Wir reden spter drber. Jetzt trume ich.

Auch wenn man oft im Ungewissen ist, wie die Figuren nun eigentlich zueinander stehen, ist der zentrale Konflikt ein folgenschwerer. Ein russisches Landgut mit einem Herrenhaus und einem Kirschgarten ist hoch verschuldet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts holt Anja (Lisa Guth) ihre Mutter, die Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Katharina von Bock), aus Paris zurck, weil das Anwesen versteigert werden muss. Vor fnf Jahren war die Mutter mit ihrem Geliebten nach Frankreich geflohen, weil ihr Sohn im nahe gelegenen Fluss ertrank. Gajew (Bernd Braun), der Bruder von Ranjewskaja, war unfhig mit dem Vermgen umzugehen und genoss das Leben. Auch Ranjewskaja verbrauchte ihre Geldmittel in Paris. Ein ehemaliger Leibeigener, der Kaufmann Lopachim (Ralf Drexler), erstand hingegen ein betrchtliches Vermgen. Er mchte Ferienresidenzen auf dem Grundstck errichten, um sie an Sommergste zu vermieten. Dafr msste jedoch der Kirschgarten abgeholzt werden. Ranjewskaja hngt jedoch sehr an dem Kirschgarten. Sie mchte ihre Pflegetochter Warja (Louisa Stroux) mit Lopachim verheiraten, um dadurch die Schulden begleichen zu knnen. Anstelle von dieser Verbindung entfaltet sich jedoch eine Liebe zwischen ihrer anderen, leiblichen Tochter Anja und dem mittellosen Studenten Trofimow (Konstantin Lindhorst), dem ehemaligen Lehrer des verstorbenen Sohnes. Die Gutsbesitzerin zieht nach Paris zurck. Alle verlassen das Haus. Nur der alte Diener Firs (Tanja von Oertzen) bleibt zurck und bleibt, seiner Berufung beraubt, reglos auf dem Boden liegen. Der Gutshof soll abgerissen werden.

Aber woher ich bin und wer ich bin ich wei es nicht. Ich wei nichts. Ich wrde gern mit jemand reden, aber es gibt niemand, ich hab niemand.

Es entfaltet sich auf der Bhne ein leidenschaftliches Intermezzo. Die Figuren ergehen sich in wehmtigen, sentimentalen Phantasien an ihre Kindheiten auf dem Gut. Weder die Gutsbesitzerin, noch andere Familienmitglieder sind dazu bereit, eine praktische Lsung fr das Schuldenproblem zu finden. Obwohl ihnen mehrere Vorschlge unterbreitet werden, vertrauen sie darauf, dass sich alles zum Guten wenden wird. Vielleicht wird ja eine entfernte Tante das Gut fr sie ersteigern, damit sie weiterhin darin wohnen knnen. Ranjewskaja zieht sich lieber auf ihr frheres Kinderzimmer zurck, als dass sie sich Lopachims Vorschlge fr den Erhalt des Gutes anhren mchte. Scheinbar tiefschrfende, aber eher schwerfllige Gesprche mit ihrem Bruder Gajew zeugen von der gemeinsamen lethargischen Orientierungslosigkeit und dem fehlenden Mut, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Eingestndnisse muten dabei ziemlich dekadent und weltfremd an: Man muss schon sagen, unser Leben ist ziemlicher Quatsch. Auf der Bhne begegnen wir somit lebensuntchtigen Miggngern, Traumtnzern und Phantasten. Sie betuben ihre Angst vor dem Bewusstwerden der eigenen fehlenden Stabilitt mit der phantasiebegabten Bewunderung fr die Zauberknste der Gouvernante Charlotta (Maria Munkert), mit hysterisch lautem Wortgeplnkel oder dem bermigen Genuss von Vodka.

Brechen wir auf! Unaufhaltsam gehen wir dem strahlenden Stern entgegen, der dort in der Ferne leuchtet.

Es ist erschreckend, wie rcksichtslos sich einzelne Charaktere begegnen. So soll beispielsweise Warja fr das Wohlergehen der Familie mit Lopachim vermhlt werden, ohne dass das tatschliche Gefhlsleben der beiden bercksichtigt wird. Auch Lopachim und Warja sind sich ber ihre Gefhle freinander unklar und erwgen nur halbherzig eine Zweckheirat, um der Einsamkeit oder Armut zu entgehen. Auch der Zuschauer fragt sich, ob Gefhle zwischen den Figuren echt oder nur Pose oder nur dem Zwecke dienlich sind. Stets wird das Publikum damit konfrontiert, dass sich Figurenkonstellationen wiederholen. Als Charlotte laut ber einen fehlenden Sinn ihres Lebens nachgrbelt, versucht sich ihr, von ihren Worten gelangweilt, der Diener Jascha (Birger Frehse) erotisch anzunhern. Daraufhin verfolgt sie weiterhin im schnelleren Tempo ihren hysterischen Monolog. Auch Trofimow versucht kurze Zeit spter in einem Monolog angestrengt dem Leben einen entfernten Sinn abzugewinnen. Anja gewahrt nun ihre Chance und nherst sich ihm, seine Worte scheinbar missverstehend, erotisch an. Daraufhin verfolgt auch er seine Gedanken noch gehetzter und auch hier glckt Kommunikation nicht. Die meisten Figuren kreisen bequem und egozentrisch um die eigenen Trume, Befindlichkeiten und Illusionen. Allgegenwrtig ist eine Stimmung der Leere, der Labilitt und der Beliebigkeit. Tschechow, der im Alter von 44 Jahren an Tuberkulose verstarb, erlebte die Moskauer Urauffhrung seines Stckes noch. Er hinterlie mit dem Sptwerk eine absurde, hintergrndige Komdie. Sinnentleerte, triviale Lebensentwrfe werden vorgefhrt und der Zuschauer darf sich selber eine Meinung ber die Figuren bilden. Heiter und leicht ist die Komdie nur an der Oberflche. Gekonnt verkrpern die Darsteller des Bonner Ensembles auch die ambivalenten und tragischen Positionen der Figuren und ihre oftmals verworrene Einsamkeit. So meint der zurckgelassene Diener Firs zu guter Letzt: Nein, da ist niemand, ich habe es nur getrumt.


Weitere Auffhrungen sind am Mi. 20.06., Sa. 30.06. und Fr. 06.07. jeweils ab 19:30 Uhr, sowie am Sa. 23.06. ab 18 Uhr in den Kammerspielen, Am Michaelshof 9, Bad Godesberg. Weitere Infos und Karten gibt es auf der Homepage des Bonner Theaters.

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