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"Wir können nicht im selben Raum feiern, in dem die Leute gefoltert werden." Sätze wie dieser stammen von einem Mann, der einen Abend lang zwischen rasender Verzweiflung und zerstörerischem Idealismus oszilliert. Knud Fehllauer spielt einen Durchschnittsmenschen aus der oberen Mittelschicht. Getrieben von den Abgründen und Widersprüchen der ersten Welt, als deren Gefangener er sich empfindet, denkt er am Badezimmerboden liegend über sein Leben nach. Diese Gedanken lassen ihn nicht mehr los. In einem fremden Hotel muss ihm die Barkeeperin zuhören. Fragen ohne Antworten Millionen von Menschen wird ihr Grundrecht auf Bildung verwehrt, und er geht wöchentlich zu Vorträgen in Universitäten, besucht Theater- und Kunstausstellungen. Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass man ihn von Kindesbeinen an vor den zwielichtigen Gestalten im Bahnhofsviertel gewarnt hat, ihm gleichzeitig vorgaukelte, die guten Menschen leben in seinem Viertel und er sich deswegen nie ein eigenes Bild von den Anderen im Bahnhofsviertel gemacht hat? Wie kann er eigentlich einen Kaffee genießen, für dessen Bohnen Menschen zu Hungerlöhnen schufteten und geschlagen wurden, wenn sie am Boden lagen? Und überhaupt, ist er nicht nur durch eine zufällige Verkettung von Ereignissen, die sich vor seiner Zeit abspielten, in diese Situation hineingeboren worden? Eine Situation, die es ihm erlaubt in arme Länder zu reisen und dort seinen Luxus mit seinem hart verdienten Geld zu rechtfertigen, obwohl das Personal viel länger, härter und zu einem geringeren Einkommen arbeitet. Es sind Fragen, die wir uns alle schon mal gestellt haben, mehr oder weniger ausführlich. Und es sind genau die inneren Mechanismen, mit denen wir wieder versuchen sie abzustellen, oder zu uns rechtfertigen, die Wallace in seinem Stück thematisiert. Uraufgeführt wurde es 1991 in New York. Da die behandelten Thematiken und die Art wie wir mit ihnen umgehen nichts an ihrer Brisanz verloren haben, musste sie Regisseurin Gabriele Gysi lediglich mit aktuellen Inhalten verknüpfen. Die Synchronität von Trauer und Ignoranz Die Inszenierung ist gelungen, weil die Verbindung zwischen dem Leid eines sensiblen Menschen, der aus Selbsttäuschungsprozessen erwacht und der Erkenntnis, dass er sein Leid aufgrund seiner Komfortzone selbst verursacht, hervorragend umgesetzt wurde. Dem temperamentvollen Mann ist klar, dass weder die marxistische Guerilla-Kämpferin, die er in einem armen Land kennen lernte und die das "Kapital" wahrscheinlich noch nie gelesen hat, noch die westliche Entwicklungshilfepolitik, etwas am Leid der Welt ändern wird. Und seine innere Verzweiflung, schon gar nicht. Denn wir alle, egal ob wir Angehörige des mittleren Managements auf einer Betriebsfeier sind, dünne, kettenrauchende politisch engagierte Menschen oder Hausmeisterinnen, wir alle nutzen unsere Techniken um das Leid der Welt bei dessen gleichzeitiger Ignoranz zu betrauern. Sonst würden wir – und das ist ein Satz der wie beiläufig fällt – nicht nur tief in uns gespürt, dass wir soviel abgeben müssten bis es keine Unterschiede mehr gibt, wir hätten es auch getan. Dieser nebenbei erwähnte Satz passt zu einem Stück, mit dem keine moralische Keule geschwungen werden soll, sondern lediglich das in Worte gefasst wird, was der alltägliche Wahnsinn ist. Und das bei einem Ein-Mann-Stück - abgesehen von der zauberhaften Charlotte Benner, die mit ihren Geigenklängen so beiläufig den Zuschauer Emotionen einhaucht. Wie kann denn das über zwei Stunden hinweg überhaupt spannend bleiben, ein Mann in einer Bar spricht, mit sich selbst? Ein Mann und sein Publikum Es kann, weil Knud Fehlhauer kann. Der Schauspieler zerreißt nicht nur innerlich sich selbst, sondern den Zuschauer gleich mit. Man glaubt ihm, wenn er innerhalb von Sekunden einen hysterisch-fröhlichen Tanz aufführt, um dann in Tränen auszubrechen, von sich selbst zerfressen. Der Abend vergeht so schnell, da Fehlauer es schafft, sein Publikum auf alle Pfade innerer Ausreden mitzunehmen. Der Monolog beginnt mit sozialkritischen Floskeln, auf die in der Regel nur mit einem müden Lächeln reagiert wird. Das ist dem Mann an der Bar bewusst, wenn er sagt: "Jaja weiß ich, aber…" Und genau dieses "aber" greift er auf, denn er will nicht mehr müde lächeln oder belächelt werden. Nicht überstürzt, sondern den Charakter entwickelnd, sich selbst erfahrend und begreifend, um am Ende einfach kein "aber" mehr zuzulassen. Irgendwann hat er einen gepackt und man kann sich den Gedanken des Autors nicht mehr entziehen. Eine Wahl hat man nicht, denn Fehlauer, spricht nicht nur mit sich selbst oder der hübschen Bardame Charlotte Brenner, er spricht zum Publikum, nimmt es an die Hand – scheinbar ungewollt – als Begleiter auf seine innere wütende Reise. Da bedarf es keines großen Bühnenbildes. Einzige wie unbedarft ausgewählte Requisiten sind der die gewaltigen Emotionen betäubende Whisky und eine Zeitung, die Fehlauer direkt zu Beginn des Stückes zerfetzt, mit ihr Fußball spielt und auf ihr rumtrampelt. Vielleicht sind die billigen Preise auf den bunten Werbeprospekten ein Sinnbild, vielleicht aber auch bedeutungslos. Eine solche Interpretation und das, was der man für sich mitnimmt, wird einem offensichtlich selbst überlassen. Das Fieber von Wallace Shawn Nächster Termin: Donnerstag, 15. März, 20 Uhr Ort: Euro Theater Central Bonn Weitere Infos und Tickets hier.
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