Der venezianische General Othello residiert auf Zypern, nachdem er die Trken besiegte. Er und seine Frau Desdemona lieben sich innig. Sprbare Aggression richtet sich zunchst nur nach auen. Gekmpft wird gegen die trkischen Feinde der Republik Venedig. Othello selbst ist afrikanischer Herkunft, also Mohr, wie es bei den bisherigen Shakespeare-bersetzungen heit, oder Schoko, wie es in seiner bersetzung Feridun Zaimoglu nennt. Zaimoglu, wiederum selbst trkischer Herkunft, bersetzte den 400 Jahre alten Text zusammen mit Gnter Senkel in eine drastische deutsche Gegenwartssprache. Die Protagonisten berbieten sich gegenseitig in sexistischen, frauenverachtenden, rassistischen und schwulenfeindlichen Formulierungen. Doch, wie bei Shakespeare, besteht auch in dieser Inszenierung die Ungeheuerlichkeit in der Intrige des Fhnrich Jago, der es versteht, Othello so geschickt zu beeinflussen, dass dieser glaubt, seine geliebte Desdemona betrge ihn mit seinem Leutnant Cassio. Zuletzt ist Othello seiner wahnhaften Eifersucht und gekrnkten Offiziersehre so weit erlegen, dass er glaubt, Desdemona sei eine Hure der ganzen Armee. Er lsst Cassio durch den Intriganten Jago tten und erwrgt selbst Desdemona.

Verbale Gewalt und sprachliche Manipulation: Ein intrigantes Spiel

In der Wortwahl unterste Schublade - kein vulgrer Tiefgriff wird ausgelassen - und doch wird gleichzeitig die perfide gesponnene Intrige in ihrer ganzen Brutalitt gezeigt. Jago spielt mit den Gefhlen, den Trieben, den Eitelkeiten und auch den Dummheiten seiner Vorgesetzten, um sich selbst dadurch nach oben zu bringen. Das hat schon immer funktioniert, das wusste Shakespeare, als er dieses Stck schrieb, das bersetzten Zaimoglu und Senkel in eine heutige Vulgrsprache und das zeigt die neue Inszenierung des Theaters Der Keller. Die drastische Sprache schockiert. Sie schafft jedoch berhaupt erst den Rahmen, in der die Intrige funktionieren kann und darin funktioniert dann auch Othello in seinen vernichtenden Handlungen. Anfangs ist die feindselige Haltung in Othellos Denken noch dem trkischen Feind zugedacht, bald bezieht sie sich jedoch auf den Menschen, den er am meisten liebt.
Das Bhnenbild im Tiefkeller ist eher schlicht. Silbrig glnzende, herzfrmige Luftballons hngen ber der Bhne vor dunklem Hintergrund herab. Diese und auch eingespielte, beschwingte Musik tuschen nicht darber hinweg, dass die Atmosphre von Stefan Nagels Inszenierung eher dster ist. Der Zuschauer kann sich ganz auf das Zusammenspiel der Figuren konzentrieren.

Szenische Umsetzung mit mehreren Ebenen

Wenn die Darsteller gerade nicht auf der Bhne sind, halten sie sich in einem zur Bhne geffneten hinteren Raum auf, von wo sie das Geschehen wie interessierte Zuschauer beobachten. Nur Othello setzt sich dann, wenn er in einer Szene nicht mitwirkt, in eine Ecke vor der Bhne, das Geschehen im Rcken und den Blick ins Leere in Richtung des Publikums. Dann ist er den Zuschauern rumlich am nchsten und es wird herausgestellt, dass er das Opfer der Intrige ist und durch seine Fehlannahmen alle ins Verderben strzt. Jago sucht immer wieder beim Einfdeln seiner Intrige mit verbissenem Ausdruck Blickkontakt zum Publikum und macht es so zu Mitwissern seiner Machenschaften. Mit dem Blick auf die Bhne und ins Publikum entsteht so in der Inszenierung eine dezente, besondere Dynamik zwischen den Akteuren und Zuschauern, ohne dass sich dabei eigentlich relevante Fragen aufdrngen, wie etwa: Wer ist mehr zu verurteilen, der Intrigant Jago oder Othello in seiner Naivitt und Grobheit? Wer von beiden hat mehr hnlichkeit mit einem selbst?

Fesselnde Dynamik einer komplexen Figurenkonstellation

Emanuel Fleischhacker agiert sowohl als Cassio als auch als Rodrigo, einen naiven Helfer des Jago. Es gelingt ihm beide auf witzige Weise als schrge, schrullige Typen darzustellen und sogar in einem Dialog zwischen diesen beiden Figuren mhelos von einer in die andere Rolle zu gleiten. Makke Schneider in der Rolle des Jago machte das Publikum durch seine Blickkontakte und seine scheinbar treuherzige Arglosigkeit in den entscheidenden Momenten des Einfdelns der Intrige zu Komplizen, ohne dass es etwas von der Plattheit hat, die man sonst von Intrigen- und Verwechslungskomdien kennt. Othello wird von Josef Tratnik, einem weien Darsteller gespielt, der einen flieenden bergang vom selbstbewussten, glcklich verliebten Mann zu einem verbohrten, von Eifersucht zerfressenen anschaulich macht. Der groe Altersunterschied zwischen ihm und Desdemona, kess und anziehend dargestellt von der etwa vierzig Jahre jngeren Sarah Hrtling, lsst ihn zweifeln und gibt ihm einen Anlass fr seine Eifersucht. Desdemona versteht die obsessiven Vorwrfe nicht, die implizit an sie herangetragen werden. Als sie jedoch direkt bedroht wird, gewahrt sie sich als Opfer der Intrige. Die zuvor arglose und selbstsichere Frau muss erkennen, dass ihr Mann sie nicht fr voll nimmt und ihr nicht vertraut. Viktoria Klimmeck spielt schlielich Jagos desillusionierte Gattin Emilia. Schlagfertig und khl verwahrt sie sich gegenber der Gewalt, die von den mnnlichen Figuren ausgeht. Zu guter Letzt verliert sie jedoch ihren Liebhaber und verrt ihren Gatten.

Insgesamt gelingt es dem Darstellerensemble sprachlich und durch packende Interaktion, bis hin zu gekonnten choreographischen Einlagen, in der modernen Inszenierung zu berzeugen und bestens zu unterhalten.

Weitere Auffhrungen von "Othello" sind am Fr. 23.12., Mi. 28.12., Do. 29.12., Fr. 30.12., Mi. 11.01., Do. 12.01., Fr. 13.01., Mi. 18.01., Mi. 25.01. und Do. 26.01. ab jeweils 20 Uhr.

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