Unter Trmmern begraben

Einige Zuschauerreihen der ausverkauften Theaterveranstaltung sind in der zweiten Hlfte des Abends, in der Elfriede Jelineks Kein Licht. gezeigt wird, sichtlich weniger besetzt. Es bleibt lange dunkel und es wird, wie zuvor in Demokratie in Abendstunden, rhythmisch gesprochen. Furchtbares scheint sich anzubahnen und bleibt gleichzeitig verborgen. Kein Licht. ist die Fortsetzung von Jelineks Werkzyklus ber die Katastrophenanflligkeit menschlicher Technik. Karin Beiers Klner Inszenierung eines anderen Teils aus diesem Werkzyklus - "Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz" - wurde 2011 von der berregionalen Fachzeitschrift Theater heute zur Inszenierung des Jahres gekrt.

Das Bhnenbild bleibt erhalten. Die Parolen der 70er, die im ersten Stck noch auf eine Glaswand geschrieben wurden, werden nun mit Flugblttern berklebt. Diese Appelle und Slogans werden nicht mehr ausgerufen. Denn die Ideologien der 70er haben es nicht geschafft, bestimmte Katastrophen, wie etwa die Havarie des Atomkraftwerks Fukushima, zu verhindern. Die Flugbltter zeigen Vermisste, die in einem Tsunami verloren gingen. Das Thema Musik hat sich in Jelineks Endzeitvision noch nicht erledigt, obwohl man keine Musik mehr hrt. Streichinstrumente werden von verschiedenen, wie lebende Leichentcher aussehenden Figuren gefhrt. Die Musik scheint jedoch geflohen. Es erklingt kein Ton. Eine Figur stellt die Rhythmisierung von Zeit infrage: Musik ist Zeit und die haben wir nicht mehr. Die Orchesterspieler knnen ihre Tne nicht mehr hren und erzeugen Nichts. Zwanghaft streichen sie weiter, obwohl sie durch diffusem Lrm, Geheul, Gebrll, Sthnen, Weinen, Schluchzen, gestrt und irritiert werden.

Nicht einmal ein Wort rhrt uns an.

Man hrt das Schreien einer Asiatin, die in den Trmmern berlebende sucht. Wenn sie einige der lautlosen Streicher anspricht, wenden diese sich wie in Trance ab und beachten sie nicht. Sehen ist scheinbar mit dem Hren verlorengegangen. Leider ist dies noch sehr plakativ inszeniert. So wird in einer Szene gezeigt, wie die Asiatin vor Kameras weinend platziert wird, um in den Medien Schlagzeilen zu machen. Man setzt immer noch auf Gefhle, um die Menschen emotional zu berhren. Im direkten Kontakt wird dem Katastrophenopfer jedoch Mitgefhl verwehrt. Lebende Zombies knnen den Opfern schwerlich Empathie entgegenbringen. Mit bser Ironie und parodistisch wenden sich erste und zweite Geige als lebende Leichen an die Zuschauer. Sie fragen, ob diese sie denn berhaupt noch sehen und hren knnten? Als Knstler wrde sie das sonst vor ein groes Problem stellen. Unterschwellig wird hier die Perfidie des immerwhrenden Weitermachens des Kunstbetriebs hinterfragt.

Die Gier zwingt alle zum Reagieren. - Es ist Zufall, wen es trifft.

Wenn die Zombies behaupten, dass der Reaktorunfall durch die Natur verursacht wurde und den Menschen keine Schuld zukomme, wird mal wieder den Glauben an die endlose Unschuld des Menschen bemht. Es ist eine Abschiebung von Verantwortung, welche stets die Natur ins Visier nimmt. Indirekt wird kritisiert, dass die Hybris des Menschen in der Atomindustrie destruktiv bedroht wird und nicht nur soziale Ideale und die Authentizitt von zwischenmenschlichen Beziehungen ad absurdum fhrt.

Insgesamt ist die Aufeinanderfolge der beiden provokanten Stcke auch durch die Beibehaltung des Bhnenbildes stimmig. Das Drama Kein Licht. ist als eine gelungene Steigerung von Demokratie in Abendstunden zu sehen. Kunst im Zusammenspiel mit Entfremdung und dem Driften in das Jenseitige wird in beiden Dramen thematisiert. Ein Wirgefhl, dem zu Anfang des ersten Stcks noch mit Parolen Raum gegeben wird, wird Lgen gestraft. Der im Grunde fatalistische Zug der Dramen, bei denen sich die Zuschauer nur schwer in das diffuse Geschehen einfhlen knnen, ermdet, deprimiert und stimmt nachdenklich.

Weitere Auffhrungen am Schauspiel Kln sind am So. 11.12., Do. 15.12., Do. 22.12. und Fr. 23.12. jeweils ab 19.30 Uhr.


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