Eine Figur karrt Sthle und andere Requisiten fr ein Orchester auf die Bhne. Nachdem sie diese umstndlich in mehreren Anlufen positioniert, suchen Trauben von Figuren gepaart mit Instrumenten ihre Pltze. Es gebart sich ein Chaos, da sich die auftretenden Orchesterleute fortwhrend Sitzgelegenheiten wegnehmen und ihre Sthle umstellen. Das durchaus reizvolle Bhnenbild ist so schon zu Anfang fortwhrend in disharmonischer Bewegung. Demokratie in Abendstunden, das erste Stck des Abends im Klner Schauspiel ist eine Collage aus Texten von Joseph Beuys, Rainald Goetz, John Cage und anderen. Es trgt den Untertitel Eine Kakophonie. Kakophonisch sind stark unangenehme und harte Tne.

Wirgefhl, Gruppendruck und Unsinnsparolen

Demokratie in Abendstunden ist durchsetzt mit einer sich stndig Ausdruck gebenden und dann verlagernden Gruppendynamik. Diese wechselt scheinbar irrsinnig in die verschiedensten Richtungen. Es wird gemeinschaftlich musiziert. Die Probe wird unterbrochen, weil die Orchesterleitung mit dem Zusammenspiel unzufrieden ist. Es entstehen Sprechchre des Protests. Das Orchesterensemble, was zuvor noch willig dienen wollte, plant einen Umsturz und ruft Attacke! Der Protest verlagert sich auf eine hhere Ebene. Vor dem Hintergrund einer von Sticheleien und Eifersucht geprgten Orchester-Dramatik wird mit Parolen und Floskeln um sich geworfen. Scheinbar beliebige Wortspiele werden einzeln oder gemeinschaftlich ohne klare Positionierung nach vorne getragen. Ideale werden in allen Zusammenhngen aufgerufen: Natrlich darf geschossen werden! Die Parolen kommen aus den Revolutionen der 70er.

Hineingehen in die absolute Tiefe der Groteske

Im Demokratie in Abendstunden-Programmheft findet der Zuschauer aufgezeichnete Gedanken der Knstler Beuys, Cage und Goetz. Joseph Beuys wollte den gesamten sozialen Organismus revolutionieren. Wenn es nach ihm ging, sollte eine Kultur, die unabhngig von der Wirtschaftskraft von der Kreativitt des freien Individuums ausgeht, den Kunstbegriff erneuern. Der amerikanische Komponist John Cage hinterfragt die Kunst. Er mochte die Tonalitt nie, weil sie gewisse Abfolgen birgt, die man Trugschlsse nennt. Die Tne sind also nie wirklich gegenwrtig. Der Schriftsteller Rainald Goetz meint, dass selbst in der Stimmung der Alternativkultur der Neoantikapitalismus radikalkapitalistisch und der Basalmarxismus paradox war. Die absolute Tiefe kann so in Goetzes Sinn nur ganz in die Groteske fhren.

Vllig grotesk wirken dann auch einige Szenen, bei denen sich Schauspieler gegenseitig mit Farbe bergieen und auf eine Glaswand gut sichtbar in fetten Buchstaben Dreck schreiben. Rhythmisch und synchron sprechen die Figuren im Anschluss nebeneinander in Reihe und Glied dem Publikum zugewendet: Dreck-Dreck-Friss-Friss! Von der Bhnendecke luft langsam schwarze Farbe an den Bhnenseiten herunter. Es erklingt ein Donnern, dem die wild durcheinander laufenden Figuren lauschen. Eine Katastrophe kndigt sich an. Die Inszenierung ist gesanglich, musikalisch und auch choreographisch auf einem hohen Niveau. Auch das Bhnenbild ist interessant und die Schauspieler agieren durchweg berzeugend. Das Problem der Inszenierung liegt eher in den Inhalten, die ber anderthalb Stunden hinweg viel zu langatmig den Zuschauern um die Ohren geworfen werden. Damals hatten die Texte einen ganz anderen Reiz und waren aktueller. Heute sind sie lngst berkommen und wirken nostalgisch.

In Teil 2 wird Elfriede Jelineks Kein Licht. aus ihrem Werkzyklus ber die Katastrophenanflligkeit menschlicher Technik besprochen. Hier geht es zu Teil 2.

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