Orlando ist vielleicht der ironischste, witzigste und verspielteste Roman Virginia Woolfs. Im England des 16. Jahrhunderts ist der 16-jhrige Orlando ein Liebhaber von Knigin Elisabeth I. Zum Dank berlsst sie ihm einen stattlichen Landsitz. Im Alter von 36 Jahren wandelt sich sein Geschlecht von einem Mann zu einer Frau, was Fragen nach der damaligen gesellschaftlichen Stellung der Frau aufwirft. Nach der Wandlung altert Orlando nicht mehr. ber einen Zeitraum von etwa 350 Jahren erlebt sie verschiedene Epochen Grobritanniens - nderungen des Klimas, der gesellschaftlichen Umgangsformen und Umbrche in anderen Lndern.

Woolf widmete ihre fiktive Biographie von 1928 der zehn Jahre jngeren Geliebten Vita Sackeville-West. Die adlige Schriftstellerin Sackeville-West war so Vorlage und Inspiration des utopischen Romans. Woolfs Freundin war dafr bekannt, dass sie sich zu gesellschaftlichen Anlssen oft als Mann verkleidete.

Mehrere Jahrhunderte berlebten die Romanfiguren, um heute vor das Publikum zu treten.

In stets neuen Verkleidungen verkrpert nun Barbara Kratz in einem Einpersonenstck im Freien Werkstatt Theater die Protagonisten des Romans. Als Mischung aus Erzhlerin und Hauptfigur gibt sie eine hybride Doppelfigur. Sie behlt die personale Erzhlsituation aus Woolfs Roman bei, spielt die Gesten Orlandos dabei jedoch nach. Sie lsst ihn so nicht selber sprechen, sondern gibt ber Zeugen Auskunft, wenn er z.B. schwermtig ber den Sinn der Welt grbelt.

Kratz ldt jedoch auch andere Figuren des Romans dazu ein, vor dem Theaterpublikum eigene Eindrcke von Orlando wiederzugeben. Das Romanpersonal scheint ebenso wie die Titelfigur einige Jahrhunderte lang gelebt zu haben. Sptestens hier merkt man, dass Diana Anders in ihre Bhnenfassung eigene Ideen mit einbringt, da in der Romanhandlung alleine die Einzelgngerin Orlando mehrere Jahrhunderte (ber)lebt.

Ein Reigen an Figuren wird vorgefhrt.

Nach einer kurzen Vorstellung jeweils neuer Figuren zieht sich Kratz regelmig mit entschuldigenden Worten ber das hohe Alter der Zeitzeugen hinter einer Kulissenwand zurck und spielt dezente, klassische Musik ein. Im beeindruckenden Tempo tritt sie nun als Hofdienerin oder als Elisabeth I. verkleidet hervor. Ungewhnliche Blickwinkel erffnen sich, wenn das Dienstpersonal oder ein ehemaliger Zigeuner ber ihre Begegnungen mit Orlando berichten. Ihnen hatte Woolf im Roman noch eine untergeordnete Bedeutung beigemessen.

Eine Dienstbotin freute sich ber das neue Geschlecht ihres Vorgesetzten: Die Vorhnge waren schon verwittert. Das Haus brauchte eine Herrin. Ein Zigeuner meint hingegen zum groen Anwesen Orlandos: Wofr braucht man 365 Zimmer, wenn eines zum Schlafen doch reicht? Kratz in der Rolle des Erzhlers kommentiert diesen Satz mit den Worten: Wozu braucht man ein Bett, wenn man auch unter dem Kchentisch schlafen kann. Die als Sozialhilfeempfnger aus Baden-Baden vorgestellte Figur legt sich whrend einer eingespielten Leinwandprojektion, mde unter den Tisch.

Barbara Kratz spielt unterhaltsam und mit beeindruckendem Tempo

Die moskowitische Prinzessin Sascha enttuschte Orlando bitterlich, als sie sich dem jugendlichen Liebhaber entzog. Sie meint heute entschuldigend: Aber er war doch noch ein Kind. Knigin Elisabeth erfuhr noch zu Lebzeiten von Orlandos Annherungen an die junge Frau und beklagt weinend die Untreue der Mnner. Kratz stellt Orlandos spteren Liebhaber und Ehemann Shelmerdine leider etwas farblos als geheimnislosen Trottel dar. Der Schriftsteller Green gelingt ihr jedoch als arroganter Trinker, der statt auf das Wohl Anderer ausschlielich auf das eigene achtet. Die beiden Weltkriege und die Geburt von Orlandos Sohn finden szenisch leider keine Darstellung oder Nacherzhlung. Insgesamt ist noch das schlichte Bhnenbild, eine silbern glnzende aufklappbare Wand, positiv hervorzuheben. In der Wand verborgene aufklappbare Details berraschen im Laufe der Inszenierung als Hingucker, wenn z.B. ein neues Kapitel im Leben Orlandos anbricht.

Woolfs khner, manchmal surrealer Roman ging als bedeutendes Gesamtkunstwerk in die Literaturgeschichte ein. Diana Anders Bhnenfassung rttelt an dem Ruhm der Vorlage, indem sie den Inhalt des Romans um neue und eigene Ideen bereichert. Darstellerin Barbara Kratz verkrpert mit schauspielerischem Knnen und beeindruckendem Tempo hchst unterschiedliche Figuren. hnlich spielfreudig mag wohl einst Vita Sackeville-West gewesen sein. Nach der Inszenierung ist man zwei Stunden lter und fhlte sich von Erzhlstrngen aus scheinbar 400jhriger Historie phantastisch, poetisch und angenehm unterhalten.

Weitere Auffhrungen sind jeweils ab 20 Uhr am Fr. 28.10., Mi. 2.11., Do. 3.11., Fr. 4.11., Sa. 5.11., Do. 1.12., Fr. 2.12. und Sa. 3.12.

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