"Gisela -Giselle", hinter dem Titel der am 2. Juni uraufgefhrten Inszenierung verbirgt sich der Vorname der Intendantin des Euro Theaters Central. Es stellt sich fr den Zuschauer von Anfang an die Frage, ob dieses eigens fr dies Theaterhaus von der Tanzkompanie Bo Komplex und der Videoknstlerin Sirpa Wilner erarbeitete Stck etwas ber seine Intendantin erzhlen mchte. In der Tat will das Tanztheater den Lebensweg der ausgebildeten Tnzerin Gisela Pflugradt-Marteau bebildern.

Durch den Blick in das Programmheft fhlt man sich mit Aussageintentionen berfrachtet. Laut Ankndigung will die Inszenierung zugleich auch etwas ber das Leben der Ballettlehrerin Pflugradt-Marteaus, der Russin Tatjana Gsovsky, erzhlen. Vor allem geht es aber um den Ausdruck von Tanz. Ein bisschen strte whrend der Urauffhrung im vollbesetzten Theater dann, dass eine Leiste von Desktopsymbole fast die ganze Zeit auf der Leinwand im Bhnenzentrum leuchtete. Dies war nicht beabsichtigt, entschuldigten sich die Veranstalter spter. Die von Bo Komplex auf engem Raum vorgefhrte Tanzdarbietung entschdigte dann durchaus.

Von der Bhnendecke herab und ber die vorne sitzende Zuschauerkpfe hinweg gleitet Brbel Stenzenberger zu Anfang der Inszenierung. Nach dem effektvollen Aufsetzen auf dem Bhnenboden, wirken ihre Bewegungen unkontrolliert. Unbewusst scheinen sie den Raum oder aber auch das eigene Krperempfinden zu erkunden. Zrtlich wird eine Wand, ein Gegenstand oder ein Haar berhrt. Gegenstnden, wie in der Inszenierung zuletzt dem Tt, werden aufmerksame Gesten und Berhrungen geschenkt. Die kraftvolle Begegnung und das ausdrucksvolle Zusammenspiel zwischen Stenzenberger und Olaf Reinecke, ihrem Partner vom Bo Ensemble, variiert zwischen liebevoller Annherung und Abweisung, zwischen gestisch akzentuierter Freude und Verzweiflung. Es erhlt seine Spannung durch ein gekonntes Improvisiertwirken. Unkontrolliert wirkende Bewegungen weichen routinierten Fliessbewegungen und werden dann wieder variiert.

Unterbrochen wird das Zusammenspiel der beiden Akteure des Tanztheaters durch eingespielte Filmprojektionen, die die Veranstaltung zeitlich berwiegen. Dann verharren Stenzenberger und Reinecke still im Hintergrund oder fhren manchmal ihr gestisches Zusammenspiel vor laufenden Bildeinblendungen dezent fort. Akteure und Szenerien im mal dokumentarisch und mal knstlerisch wirkenden Film von Sirpa Wilner wechseln regelmig. Desfteren wird der Unterricht im Ballettsaal gezeigt. Manchmal wird im Film aber auch wie in Trance vor Passanten auf dem Mnsterplatz getanzt. Auch wird auf einem Friedhof oder vor dem Konrad Adenauer- und dem Beethoven-Denkmal posiert. Der Wiedererkennungswert Bonns ist dabei ganz unterhaltsam.

Insgesamt wird der Lebensweg der fiktiv-biographischen Figur Giselle oder Gisela im Film von sechs Darstellerinnen unterschiedlichen Alters vorgefhrt. Der Film wird unaufdringlich durch Streichorchestermusik und Kommentare von Gisela Pflugradt-Marteau aus dem Off unterlegt. Sie erzhlt im Film, dass ihr das klassische Ballett, fr das stellvertretend die Rolle der Giselle im gleichnamigen Werk steht, oft als zu konsumierbar und sinnentleert erscheint. Tanz soll nicht nur sthetisch angenehm anzuschauen sein, sondern kann auch eine Botschaft vermitteln. Es war ihr immer ein Bedrfnis durch Tanz auch neue Denkweisen und Emotionen beim Zuschauer anzustoen. Dies versuchte sie u. a. mit anderen Tnzern bei ffentlichen Protestaktionen fr den Umweltschutz.

Eine groe Rolle spielt im klassischen Ballett auch das Alter der Tnzer, weil man ab sptestens dem 30ten Lebensjahr nicht mehr so gelenkig agieren kann, wie noch in jngeren Jahren. Im fortgeschrittenen Alter wird man so kaum noch von Tanztheatern oder Opernhusern gebucht. Modernere Inszenierungen von z. B. Pina Bausch setzen hingegen heute bewusst auch ltere Tnzer ein.

Die kurzweilige Inszenierung regt bei aller Unklarheit hinsichtlich der genauen Bezugs- und Biographieebenen dazu an, ber den klassischen Tanz als Berufsfeld und Lebensgefhl nachzudenken. Pflugradt-Marteau fhrte ihre Trennung von dem Beruf der Tnzerin schlielich hin zur heutigen Leitung des Euro Central Theaters in der Bonner City.

Weitere Auffhrungen sind am 15. und 16. Juli um jeweils 20 Uhr.


Artikel drucken