"Die Dreigroschenoper" handelt von dem Bettlerknig Peachum, der das Elend in der Welt vermarktet, ohne irgendetwas an diesem Elend ndern zu wollen. Er berlegt sich, wie er die Elenden so elend aussehen lassen kann, dass sie die Menschen rhren. Er kommt zu dem Schluss, dass nur Knstler den Menschen noch rhren. Das Personal des Dramas besteht aus so genannten 'Asozialen': Gangster, Zuhlter, Trinker, Bettler, Huren, Betrger und korrupte Polizisten bevlkern die Bhne. Es wird das Geschftsleben, die Kuflichkeit und Ausbeutung, die Erpressung mit Not und Unterdrckung am Rande der brgerlichen Gesellschaft portraitiert.

Nicolas Stemanns Inszenierung von "Die Dreigroschenoper" entwickelt bereits zu Anfang eine eigene Dynamik, wenn rot leuchtende Schriftzge an einer flachen, in stetiger Bewegung befindlichen Leiste minutenlang den Anfangstext des Stckes wiedergeben. Wie eine Art Vorspann sieht der Zuschauer Bhnenanweisungen und Verse vor abgedunkeltem Hintergrund ablaufen. Kurze Zeit spter auftretende Figuren lesen diese Schriftzge vor. Im Verlauf des Abends benutzt Stemann wiederholt dieses Bhnenmittel des Laufbands. Das Orchester, welches die Songs begleitet, befindet sich hinter der Bhne versteckt.

Schauspieler teilen sich die Rollen der Polly, des Peachum und Mackie Messer-Passagen. Der Regisseur entwickelte durch die Mittel einer Auflsung der Figuren und eines Laufbandes seinen eigenen Weg des Umgangs mit den starren und strengen Auflagen der Brecht-Erben und des Verlags hinsichtlich einer Werktreue bei einer Inszenierung. Diese Auflagen fhrten bei Stemann bei der erstmaligen Inszenierung dieses Stcks vor einigen Jahren in Hannover gegenber dem Text zu rger. Dies scheint umso nachvollziehbarer, weil ja Brecht selbst einige Quellen seiner "Dreigroschenoper" nicht nannte und auf eine Kritik hin eine eigene "Laxheit in Sachen geistigen Eigentums" einrumte. Selten wurde auch der Fakt gewrdigt, dass Brecht-Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann die Idee zur "Dreigroschenoper" hatte, die Textvorlage des Englnders John Gay bersetzte und einen Groteil des Stckes selber schrieb.

Die Schauspieler erscheinen ablesend zugleich auch als Betrachter des Geschehens. Spielerisch wird eine Abnutzung von Sprache und Floskeln und eben auch von Brechts Text thematisiert. Stemanns anfngliche Skepsis dem Text gegenber wirkte auf die Inszenierung enorm vitalisierend. Es ist ja auch Bettlerknig Peachum, der anzweifelt, dass die wenigen anrhrenden Bibelsprche nach einigen Wiederholungen die Herzen der Spender noch erreichen knnen, und Brecht selbst, der behauptet, dass Armut niemanden berhrt, sondern dies nur die Kunst vermag. Das Publikum wird in das Spiel mit einbezogen. Zuschauer werden offen befragt und bekommen gegen Ende der Inszenierung Protest- oder Bekennerschilder in die Hnde gedrckt.

Die Japanerin Sachiko Hara beeindruckt als kindlich naive Polly Peachum, wenn sie den Seeruber-Jenny-Song mit ganz eigenem gebrochenen Deutsch und voller Intensitt anstimmt. Sie kollabiert nach ihrem ersten Auftritt leicht bekleidet auf der Bhne und weckt eine Bandbreite von Assoziationen von einem epileptischen Anfall hin bis zu Sextourismus. Auch andere Darsteller bergeben sich auf der Bhne mit Schaum vor dem Mund, u. a. wenn es um das wirkungsvolle Vermarkten von Elend geht. Ein wirkungsvolles Schockelement ist das Zeigen eines kunstvoll aufgenommenen Fotos von einem hungernden, sterbenden Kind auf drei groen Leinwnden. Vor dem Hintergrund dieses Tryptichons geht die Vorstellung als Unterhaltung des Zuschauers weiter. Der Zuschauer wird durch diesen Einbruch des Realen emotional und intuitiv bewegt.

Elend als Unterhaltungswert und Vermarktung von Waren

Dargestellte Erotik- und Kampfchoreographien sind dynamischer und effektvoller inszeniert als in Thalbachs altmodisch wirkender Umsetzung von "Mahagonny". Stemann befragt in einer Art Trash-Oper, wie sich reiche Menschen gegenber der Armut in der Welt positionieren und wie sich politisch Mchtige an der Armut anderer bereichern. Soziales Tun wird parodiert und die Akteure entlarven sich oftmals selber. Auch politisch gesehen ist Stemanns Inszenierung gelungener als jene von Thalbach, da bei Stemann mehr mit Haltungen und Positionen gespielt wird und diese gewechselt werden. Fragen lsen sichtbar etwas aus. Ein texttreues Theater wird bei Stemann durch mediale Mittel als Angebot inszeniert. Der Regisseur traut sich, hnlich wie Thomas Dannemann mit seiner jngst am Staatstheater Stuttgart dargebotenen Neuinszenierung von Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" neue Deutungen von Brechts Werk herauszufordern. Dannemann lie den Groteil der Schauspieler in hautengen Lackfetischkostmen auftreten. Ideen und Meinungen bekamen somit einen fetischmigen Charakter, wurden beliebig und austauschbar. Dies erschien nicht banal, sondern spiegelt die Geisteshaltung unserer Zeit wider.

Sowohl "Die Dreigroschenoper" mit den balladesken Songspielen, als auch die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" beschreiben Werteverlust, Entfremdung und eine Sinnkrise in der modernen Industriegesellschaft. In beiden Werken wird eine Lust an Anarchie und Destruktion in Konkurrenzgesellschaften aufgezeigt. Insgesamt wirkt die Inszenierung der Dreigroschenoper aufgrund seiner Vielschichtigkeit und der direkten, lebendigen und originellen Einbeziehung des Zuschauers intensiver nach. Der Zuschauer stellt sich bei dieser Inszenierung ganz im Sinne Brechts tatschlich Fragen; warum etwas wie auf der Bhne passiert und ob es auch anders htte passieren knnen? Thalbachs Operninszenierung bleibt hingegen aufgrund eines fehlenden, originellen Bezugsrahmens fr den Zuschauer eher nichtssagend. Ihre durchaus imposante Oper vermag es kaum, den Zuschauer zu einem berdenken eigener Handlungsweisen anzuregen.

Weitere Auffhrungen von "Die Dreigroschenoper" sind an den Samstagen 04.06., 11.06 und 25.06. jeweils ab 19.30 Uhr.

Schauspiel Kln, Offenbachplatz, T.: 0221-221 282 56, info@schauspielkoeln.de

Oper Kln, Offenbachplatz, T.: 0221 .22 12 82 56, info@buehnenkoeln.de

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