Die Britin Katie Mitchell ist eine innovative Regisseurin. In ihren Inszenierungen bricht sie die Einheit von Personen oder Ereignissen auf. Dies erreicht sie dadurch, dass es kein einheitliches Bhnenbild gibt, sondern dieses aus verschiedenen Elementen besteht. Zu einzelnen Ereignissen wird die Akustik gesondert hinzugefgt. Ein Schauspieler spricht den Text fr einen anderen, der eine Handlung ausfhrt. Auch der Einsatz von Videoaufnahmen von Details (wie z. B. Gesichtern) und deren Live-bertragung auf einen Bildschirm gehren dazu. Hierdurch erzielt sie beim Publikum einen besonderen Eindruck.

Dieser kann je nach der Intention der Regisseurin sehr unterschiedlich sein. Bei Mitchells Inszenierung von Franz Xaver Krtz Wunschkonzert verstrte die Isolation der Protagonistin gerade durch das Ineinandergreifen der Personen um sie herum, die ihre eigenen Handlungen ausfhrten. In Die Wellen erzielte Mitchell nun einen tiefen und verstrenden Eindruck von der menschlichen Wahrnehmung, von Zeit und Raum und von sozialen Situationen. Virginia Woolf, vielleicht die bedeutendste britische Autorin des 20. Jahrhunderts, beschrieb in ihrem experimentellen Sptwerk The Waves (1931) Lebensepisoden von sechs Personen, gespiegelt an den Gezeiten des Meeres an einem einzigen Tag.

Die Autorin Woolf setzte ihrem Leben am 28. Mrz 1941 ein Ende. Sie litt an Schizophrenie. Heute wei man, dass ein grundlegendes Merkmal dieser Erkrankung in einer Strung der Filterung von Sinneswahrnehmungen besteht. Menschen verarbeiten blicherweise ihre sensorischen Eindrcke (Sehen, Hren, Tasten) so, dass sie vor dem Hintergrund ihrer bisherigen Erfahrungen Sinn ergeben und fr die Lebensgestaltung nutzbar sind. Auf Menschen mit einer Schizophrenie strzen die basalen Wahrnehmungen tendenziell ohne Auswahl, Zuordnung und Sinnzusammenhang ein. Dies fhrt bei den Betroffenen zu einer tiefen Verunsicherung. Virginia Woolf ist es mit ihrem Werk gelungen, etwas zutiefst Menschliches darin zu zeigen, nmlich die Unsicherheit ber die menschliche Existenz und das Leben berhaupt.

In der Inszenierung von Katie Mitchell wurde uns genau dies mit den Mitteln des Schauspiels unserer Gegenwart sehr nahe gebracht. Ein dunkles Bhnenbild, an den Seiten mit Regalen, in denen die Utensilien liegen, auf die die Schauspieler zurckgreifen. Wort und Handlung, die ja blicherweise im Theater wie im Leben eine Einheit sind, werden in der Inszenierung dekonstruiert. Zu Handlungen eines Schauspielers macht ein anderer die Gerusche, eine Frau schaut in den Spiegel, whrend eine andere ihr Gesicht darstellt. Ja sogar das Gerusch beim Auswischen der an einer Tafel jeweils angeschriebenen Abschnitte des Stckes (die die Lebensabschnitte der Figuren benennen) schien von einer anderen Person synchron erzeugt worden zu sein.

Durch diese Elementarisierung des Gesehenen, des Gesagten und der Gerusche wird vllig neu erlebbar, wie sehr wir uns alle der scheinbaren Sicherheit des Augenblicks, des Zusammenhangs von Vergangenheit und Zukunft und der Sinnhaftigkeit anvertrauen. Es entsteht der Eindruck, den Menschen beim Wahrnehmen beobachten zu knnen. Diese besondere Dichte wird mglich durch das vllig exakte Agieren und synchrone Vorgehen der Darsteller, die zudem mit beeindruckender Sensibilitt das Leiden und die Verstrtheit der Charaktere verkrpern. Hier ist besonders Birgit Walter in der Rolle der Rhoda hervorzuheben eine Figur, die wohl am ehesten Bezge dazu aufweist, wie Virginia Woolf selbst wahrgenommen haben knnte.

In Die Wellen vermittelt die Regisseurin hierdurch einen Eindruck davon, was Auflsung von Wahrnehmung und Sinnzusammenhngen sein kann. Wellen sind die Schwingungen, die als Licht und Schall auf Auge und Ohr treffen und damit das Material zur Verarbeitung im Gehirn sind. Die zweitsndige Auffhrung am Klner Schauspiel hinterlie einen bleibenden Eindruck.

Weitere Auffhrungen sind am Mi. 9.03. und am Di. 15.03. jeweils ab 19:30 Uhr.

Schauspiel Kln, Offenbachplatz, T.: 0221-221 282 56, info@schauspielkoeln.de

Jubilum:
Virginia Woolfs siebzigster Todestag ist am 28. Mrz 2011. Virginia Woolfs literarisches und essayistisches Werk wird dann gemeinfrei. Die gesetzliche Schutzfrist gem Urheberrecht bemisst sich auf 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Es ist damit zu rechnen, dass einige Werke der Autorin nun neu ins Deutsche bersetzt werden.

Eine Auseinandersetzung mit Virginia Woolfs Romandebt The Voyage Out findet ihr hier.


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