Zugegeben, anfangs habe ich mich schon gefragt: Herr Meier entfhrt Herrn Schulz, allein aus dem Grund, nicht lnger allein zu sein und wird dabei von Frau Mller gestrt. Geht das als Theaterstck, wenn auch als Farce? Doch bereits mit dem Erblicken des Bhnenbildes trat in dieser Frage Entspannung ein: in dem kleinen Single-Haushalt ist einfach alles schief. Die Schrnke, der Stuhl, das Fenster, ja sogar die ganze Zimmerflucht scheinen aus dem Lot geraten zu sein und lassen den Betrachter in der Ungewissheit, wie schrg das Ganze tatschlich ist und was seiner eigenen Perspektive geschuldet ist. Durch das Programmheft gespickt mit einigen Informationen ber Isolation, Anonymisierung und Vereinsamung in unserer Gesellschaft, sieht man auf der Bhne gleich drei verschrobene Gestalten agieren.

Geiselnehmer ist der in seinen stupiden, zwanghaften Alltagsgewohnheiten selbst gefangene Herr Meier, berzeugend dargestellt von Emanuel Fleischhacker. Ihm merkt man vom ersten bis zum letzten Augenblick die Spannung an, in der ihn einerseits seine seit Jahren eingeschliffenen Alltagsrituale und durchs Alleinsein ins Skurrile verstiegenen Ansichten und andererseits die aberwitzige Situation einer Geiselnahme in den eigenen schrgen vier Wnden halten.

Gestrt wird er in seinem Unterfangen durch die Nachbarin, Frau Mller, gespielt von Fiona Metscher. Sie drngt sich mit viel Naivitt und einem selbstgebackenen Eierkuchen in das Leben ihres vereinsamten Nachbarn, gerade dann, wenn dieser sich zur Abwechslung mal eine Geisel nimmt. Zwar ist sie so naiv, ihm die verrcktesten Erklrungen zu glauben, wei aber auch geschickt mit der ganzen Situation umzugehen. Denn auch sie ist ein Opfer ihrer Einsamkeit. Suchte sie Herrn Meier zunchst heim, um mit ihm ihren Eltern endlich den ersehnten Verlobten vorzugaukeln, bernimmt sie nun seine Idee der Geiselnahme und entfhrt sich einen Herrn Weber, mit dem sie dann allerdings weniger zufrieden ist, als mit der Geisel ihres Nachbarn.

Diese Geisel ist Herr Schulz, dargestellt von Alexander Wipprecht. Zu Beginn ist er noch das Opfer, das um sein Leben bangt und nichts sehnlicher wnscht, als zurckzukommen zu seiner Verlobten, seinem Sohn und seiner Arbeit. Whrend der Geiselhaft kommt es bei ihm aber zu einer Wandlung. Im zweiten Teil des Stcks das ohne Pause durch eine kurze Verdunkelung vom ersten Teil abgegrenzt wird ist er geradezu aufgeblht. Er hat sich erstaunlich gut in seine neue Umgebung eingelebt, wie ein neues Haustier nach einigen Tagen. Er nimmt die Lebensgewohnheiten von Herrn Meier bereitwillig an und beginnt seinerseits die Wohnung umzurumen. Das Fenster hngt er einfach um und die alte Stelle bertncht er in seiner Lieblingsfarbe Orange. So wird spielerisch in der Isolation noch ein letzter Kontakt zur Auenwelt ausgehebelt. Die schiefen Mbelstcke stehen nun vllig durcheinander und alle drei finden es schn so. Im Radio sind endlose Namensaufzhlungen zu hren, allesamt mnnliche Geiseln, die von einsamen Menschen entfhrt wurden. Nun ist keiner mehr Opfer und keiner mehr Tter. Ganz am Ende bekommt die Geiselnahme noch ihr i-Tpfelchen verpasst: Herr Meier und Herr Schulz geben sich mit ihren von Frau Mllers Eierkuchen vollgestopften Mndern einen Kuss. So wird aus dem Geisel so etwas wie eine Gaysel Happy End.

Gute Unterhaltung, die einen zum Schmunzeln bringt ber Lebensumstnde und dem Umgang damit. Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden kann der Zuschauer das Theater wieder verlassen und sich seiner Wirklichkeit zuwenden, ohne das Gefhl gehabt zu haben, im vollbesetzten Theater festgehalten worden zu sein. Nur in der zweiten Reihe, Mitte, wre noch ein einzelner Platz fr einen Single freigewesen.

Weitere Auffhrungen sind am 25. und 26. Februar ab 20 Uhr und am 27. Februar ab 18 Uhr, sowie am 1. und 2., 10., 11. und 12. Mrz ab 20 Uhr.

Theater Der Keller, Kleingedankenstrae 6, 50677 Kln, Ticket-Hotline: 0221-31 80 59

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