Wo sind denn hier die Tter? Wollen auch diesmal alle im Publikum wieder Opfer sein? Von der Banalitt des Bsen erzhlt Jelineks Drama Rechnitz (Der Wrgeengel) von 2008. Aber auch davon, dass man Geschichte als Darmspiegelung von hinten und dort als moralische Grauzone inszenieren kann. Auf dieser kann man also sitzen, sich aber keinesfalls ausruhen.

In Rechnitz, einem Dorf an der sterreichischen Grenze zu Ungarn, wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. Mrz 1945 180 jdische Zwangsarbeiter ermordet. Bis heute konnten weder die Opfer gefunden, noch die Haupttter zur Rechenschaft gezogen werden. 2007 entwickelte sich eine Kontroverse um die Beteiligung der Thyssen-Enkelin Margit von Batthyny am Massaker von Rechnitz.

Auf Schloss Rechnitz wurden whrend eines sogenannten Gefolgschaftsfestes, bei dem hochrangige NSDAP-Mitglieder sowie Graf und Grfin Batthyny zugegen waren, spt abends Waffen an eine Gruppe von Gsten verteilt. Bei einer nahegelegenen Scheune erschlug und erschoss die Jagdgesellschaft etwa 180 jdische Zwangsarbeiter aus Ungarn. Dann kehrte sie zum Fest zurck und feierte dort bis in die Morgenstunden hinein weiter

Margit von Batthyny floh am darauffolgenden Tag in Begleitung ihres Mannes sowie des Ortsgruppenleiters Podezin und des Gutsverwalters Oldenburg nach Vorarlberg und danach weiter in die Schweiz nach Lugano. Dort wohnte sie bis zu ihrem Tod 1989 in der Thyssen-Villa Favorita am Luganer See. Schloss Rechnitz ging zwischen den Fronten der Roten Armee und der Waffen-SS in Flammen auf.

Wer will denn diesmal alles Opfer sein?

Zuweilen gibt die Literaturnobelpreistrgerin das NS-Massaker um Killer Grfin Batthyny auf Gala Klatschspalten-Niveau wieder. Sie vermengt es aber auch in der fr sie typischen Manier assoziativ mit intertextuellen Referenzen und Zitatmaterial u. a. von Euripides, aus der Bibel, von T. S. Eliott und Hans Magnus Enzensberger in einer Fallhhe hin zu Guido Knopp und dem Kannibalen von Rotenburg. Nicht zuletzt wurde sie weiterhin durch den Dokumentarfilm Totschweigen (1994) von Margareta Heinrich und Eduard Erne inspiriert.


Die acht Darsteller der Inszenierung am Dsseldorfer Schauspielhaus sind gut aufgelegt, agieren lebendig und sind dem Publikum bei zahlreichen Sprachmonologen erwartungsvoll zugewandt. Die vier Frauen und vier Mnner der namenlos bleibenden Figuren wechseln regelmig in neue Kostme und zugleich in neue Szenenbilder und Figurenkonstellationen. Als Ansprechpartner fungiert meist das Publikum. Es werden Positionen vorgefhrt, ohne dass sich die Inszenierung selber eine eindeutige, erklrende Position zu Eigen macht. Geschichte wird als moralische Grauzone dargestellt. Der Zuschauer findet eigenes, auf menschlicher Ebene angemessenes Erschrecken aufgrund der vorgetragenen Taten, nicht widergespiegelt. Er kann sich nicht von den dargestellten, nchtern agierenden Figuren leiten lassen.

Das historische Gepck der NS-Zeit wiegt mit den im Stck genannten 300 Tonnen Altpapier aus NS-Dokumentationen, die whrend der Inszenierung in Form von Bchern von der Bhnendecke fallen, schwer. Nachgeborene setzen sich mit der NS-Katastrophe im Geschichts- oder Deutschunterricht auseinander. Doch mssen wir beispielsweise den 180 Menschen, die vor Kriegsende in Rechnitz mit zitternden Knien in selbstgegrabene Grben fielen, immer wieder neu begegnen?

Der Zuschauer fhlt sich wie eine der Figuren aus Luis Buuels Film Der Wrgeengel (1962), auf welchen Jelineks Drama bereits im Untertitel anspielt. Immer wieder wird man auf ein Neues mit den mndlich wiedergegebenen Geschehnissen konfrontiert und gleichzeitig ber den Tathergang und die Ttermotive im Dunkeln gelassen. Die Toten werden nicht gefunden. Eine getreue Inhaltsrekonstruktion erweist sich als unmglich. Die Schauspieler rufen aus: Ungesehen, ungeschehen. Nichts ist passiert. Duschkabinen, die keine sind. Hohlmenschen, die sich nicht wehren und die wehrlos nichts wert sind. Und so auch nicht mehr sind.

Erst einmal rein mit ihnen. Das Fleisch muss weg.

Auf die Grausamkeit des Geschehens wird angespielt, wenn die Figur der Schlossbesitzerin im Gesprch ber die 180 jdischen Zwangsarbeiter meint: Ich habe sie in unseren Keller gesperrt, eine riesige Scheune, ein Erholungsraum fr Pferde. Wir knnen sie nun eliminieren und erschieen. Keiner entkommt unserem Durchlchern. Offenbart sich eine Ttungslust, die beim dargestellten Fest und auch im final wiedergegebenen Chat-Dialog des Kannibalen von Rotenburg mit seinem Opfer auf perverse Weise dionysisch wirken knnte? Oder werden hier menschliche Krper sehr viel teilnahmsloser verwaltet als etwa die Gemlde der gerhmten Thyssen-Sammlung von Batthynys Bruder?

Querverweise und intertextuelle Referenzen deuten auf Menschenrechtsverletztungen in der jngsten Vergangenheit und unmittelbaren Gegenwart hin. Das wiederholt eingeworfene Wort "whitewashed" (dt. Bed. u. a. "vernichtend geschlagen") evoziert heute Erinnerungen an die aggressive Auenpolitik George W. Bushs. Vielleicht mchte die Inszenierung auch darauf hinweisen, dass Margit von Batthyny die Nichte des Groindustriellen und NSDAP-Finanziers Fritz Thyssen war. Jener Fritz Thyssen machte in der Nazizeit und whrend des Krieges Geschfte in Millionenhhe mit einem Amerikaner namens Prescott Sheldon Bush, Vater von George Bush und Grovater von George W. Bush, beides ehemalige US-Prsidenten.

Spannungsbrechungen erzeugen in der Inszenierung regelmig bhnenbildnerische Einflle, Details und Appelle an das Publikum. Der Theaterdarsteller Daniel Christensen behauptet zu Anfang der Inszenierung Co-Darstellerin Marianne Hoika htte eine Affre mit dem exponierten Regisseur und Schauspieler Gustaf Grndgens (1899 1963) gehabt, woraufhin Marianne Hoika errtet. Figuren werden bewusst als ihre, sie darstellenden Schauspieler enttarnt. Mehrfach wird die Souffleuse in das szenische Spiel mit einbezogen. Die Bhnenfiguren sind keine Charaktere, denen man folgen kann, eher eine Abraumhalde aus Textkrpern und assoziativen Sprachspielen. Schlielich wird das Publikum dazu angehalten, die Deutschlandhymne zu singen.

Die Geschichte kann eigentlich nicht stimmen. Das Grab will nicht gefunden werden.

Leistet der Brger in Deutschland nicht immer schon Fleiarbeit im Zusammenhang mit der Vergangenheitsbewltigung? Kommt es da nicht zwangslufig zu Ermdungserscheinungen bei im Stck vorgefhrten Botenberichten? Beim Zuschauen erkennen wir, dass uns ein Nationalstolz ob unseres Gedenkens nicht zusteht. Sogenannter Sndenstolz knnte dabei durch die, in ganzen Bibliotheken dokumentierte NS-Vergangenheitsbewltigung und den aufwendigen Wiederaufbau entstehen. Zu einer Reflexion des Sndenstolzes mchte die Inszenierung im Sinne Jelineks anregen.

Das bhnentechnische Grundgerst, welches in seiner Opulenz an das Holocaust-Mahnmahl in Berlin erinnert, bleibt whrend der gesamten Inszenierung bestehen. Spannung entsteht durch regelmige neue Inszenierungsideen, wie z. B. choreographische Einschbe oder live eingespielte Videobildprojektionen.

Auf unterhaltsame Weise belustigt man sich ber das sprachlich wiedergegebene, vordergrndig Grausame und Unfassbare. Die Inszenierung stellt aus, wie ber NS-Opfer z. B. auf niedrigem Talkshow-Niveau berichtet wird. Sie offeriert, wo adlige Tter im Exil Nischen fr fragwrdige finanzielle Ersparnisse finden. Eine Vielzahl an Eindrcken wird vermittelt, ohne dass eine menschliche Ebene des Erschreckens und der Trauer aufgrund der NS-Verbrechen widergespiegelt wird. Indirekt kritisiert das Theaterstck so selbstgengsame Berichterstattungen im Zusammenhang mit dem Holocaust. Eine Nation sollte niemals in Ruhe und Stolz bereuen.


Weitere Auffhrungen sind am Sa., 19.02. und So. 20.02., sowie am Di., 15.03., Mi., 16.03. und Do., 17.03. ab 19:30 Uhr. Ab 19 Uhr gibt es an allen Terminen die Mglichkeit, vor der Auffhrung einem Einfhrungsvortrag ber das Theaterstck und seine Inszenierung beizuwohnen.

Dsseldorfer Schauspielhaus, Groe Bhne Central, Studio Central, in der Alten Paketpost am Hauptbahnhof, Worringer Strae 140, 40210 Dsseldorf, info@duesseldorfer-schauspielhaus.de, Kartentelefon: 0211 / 369911

Texte von Elfriede Jelinek sind auf ihrer Website zu finden.

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