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Brechtsche Stücke haben einen nicht ganz einfachen Stand. Immer zittern sie an einem sehr schmalen Grat zwischen überdrüssiger Ablehnung und beeindruckender Zeitlosigkeit. Wo die Textrezeption schwanken mag, ist die Kritik der zur Aufführung gebrachten dramatischen Verse wesentlich eindeutiger: Entweder sind die Theatersäle voll, oder sie sind es nicht.

Nachdem das fringe ensemble unter der Leitung des Regisseurs Frank Heuel seine Johanna bereits in Bonn aufführte, gastiert es nun in der Kölner Studiobühne und sorgt zumindest am ersten Tag für eine gut ausgelastete Bestuhlung. Selbstbewusst wird diese zur Voraussetzung Brechtscher Inszenierungselemente par excellence, die ohne Reaktion, ja, sogar Interaktion des Publikums nur schwerlich auskämen.

So wundert es nicht, dass die Beleuchtung, in großen Teilen schlicht, als einfache Deckenlichter auch den Zuschauer in der Studiobühne nicht ausnehmen oder gar ausschließen. Aus dem Guckkasten wird ein gemeinsamer Raum, aus dem heraus man gemeinsam mit den ihren Auftritt abwartenden Schauspielern das Geschehen der Akteure betrachtet.

Das Ensemble lässt nur wenig Platz für Identifikation. Die Rollen bleiben verschwommen und schwerlich zu greifen, abgesehen vielleicht von der Figur der Johanna. Sie ist die Einzige, die nicht von Chören und verschiedenen Darstellern zerhackstückelt, zwiegespalten und unnahbar bleibt.

Justine Hauer schnalzt die trotzige Weltverbesserer-Naivität ihrer Figur dem Zuschauer ebenso wie dem Mauler, Fleischerkönig und seinen Kapitalisten-Kumpanen entgegen. Wie ein Mädchen, voll von Ideal und Idee, setzt sie sich Leid und Kälte aus, um ihre Prinzipien zu wahren und erkennt, dass sie diesen Voraussetzungen als Mensch nur schwerlich gewachsen ist. Die Erstickung ihrer Wandlung von der Missionarin zur Revolutionärin zeigt letztlich nur zu deutlich wie sehr sich naive Unschuld instrumentalisieren lässt.

Annika Ley zeichnet sich für das sterile und bis in den letzten Zug ausgespielte Bühnenbild und die bis zur Blutbesudelung erstaunlich weißen Kostüme verantwortlich. Eine hölzerne Bühne aus Kassetten, die mit Eis, Erde und Holzspan befüllt sind, bietet den Darstellern im wahrsten Sinne des Wortes Spielraum um sich gegenseitig zu kreuzigen, zu beschmutzen, zu kasteien, zu reinigen. Gemeinsam mit den Requisiten bietet diese Kulisse den perfekten Raum für teils biblische, teils humoristische, teils bestürzende Showeffekte. So bereitet eine der wenigen Lichtveränderungen, gemeinsam mit einer wenig pompösen Musikuntermalung eine Projektion fast entschlafen scheinender Metzger-Gesichter vor.


Vor und nach der Aufführung kann man sich im Foyer der Studiobühne Interviews mit eben diesen Gesichtern widmen. Via Kopfhörer hört man so vielfach vom "schönen" Beruf des Fleischers sprechen und der Notwendigkeit Geld zu verdienen. Schüchtern sprechen die Handwerker des letzten und mittlerweile geschlossenen Schlachthofs in Köln über ihre Beziehung zur Arbeit.

Die knappen zwei Stunden Aufführungsdauer vergehen angesichts der rhythmischen Sprache, der musikalischen Elemente und der allgemeinen Dynamik des Spiels nahezu unbemerkt. In einer Zeit, in der Nackte auf der Bühne, blutbesudelte Akteure und dargestellte körperliche Pein nur noch schwerlich entrüsten können, dienen derartige Darstellungsformen als Stilmittel , die nicht ablenken, sondern fokussieren. Der Blick wird hier auf die fragile Existenz des Menschen zwischen dem Nichts und dem Alles, zwischen Armut und Reichtum, zwischen tiefstem Charaktergräuel und leicht debiler Reinheit gelenkt.

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