Fehler beim U-Bahnbau fhrten im vergangenen Jahr zum katastrophalen Einsturz des Klner Stadtarchivs. Mittelalterliche Handschriften und andere historischen Archivalien wurden unter Trmmern begraben und vom Wasser weggesplt. Der Schaden scheint unermesslich, auch weil bedeutende Schriften nicht rekonstruiert werden knnen und zwei Menschen starben. Eindeutige Verantwortliche fr die Unfallursache wurden nicht ausgemacht. Den Schaden trgt somit die Stadt.

Das Schauspiel Kln, 2010 unter anderem als bestes Sprechtheater ausgezeichnet, bat nun Elfriede Jelinek, einen Epilog auf den Einsturz eines der ltesten Archive Europas zu schreiben. Die sterreichische Literaturnobelpreistrgerin fhrt ihrem Zuschauer oder Leser gerne bleibende Narben vor Augen, um ihn so zum Denken anzuregen. In ihren Texten verarbeitet und verfremdet sie Sprachmaterial im Sinne des Lehrtheaters von Bertolt Brecht. Dadurch entlarvt sie dieses als Sprachschablonen. Karin Beier, gefeierte Intendantin des Klner Schauspiels, inszenierte wiederholt Dramen Jelineks. Beier brachte nun Jelineks eigens von ihr in Auftrag gestellte Arbeit Ein Sturz am 29.10.10 zusammen mit zwei frher verffentlichten Dramen in Kln zur Urauffhrung.

Zivilopfer, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene

Das Werk (2003) behandelt den Bau eines groen Speicherkraftwerks in Kaprun. Whrend und nach dem zweiten Weltkrieg kamen hunderte von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bei ihrem Einsatz ums Leben, unter anderem aufgrund von unzureichender Ernhrung und mangelnder Ausrstung. Im Bus, dem Stck Tod-krank Doc (2009) entnommen, handelt von einem Unfall aus dem Jahr 1994 beim U-Bahnbau der Linie U2 in Mnchen. Ein Linienbus sttzte in einen zehn Meter tiefen Krater, der sich pltzlich auftat. Drei Menschen starben und sechsunddreiig wurden schwer verletzt. Zwei der Todesopfer wurden beim Unfall einbetoniert und konnten erst nach Monaten geborgen werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte fnf Jahre, bis das Verfahren schlielich eingestellt wurde. Als Unfallursache wurden zuletzt Sandrisse vermutet.

Die drei unterschiedlich langen Texte Jelineks haben hnliche Grundmotive und eine hnliche Thematik. Sie behandeln reale Baukatastrophen mit unschuldigen Menschenopfern. Da sich bei der Inszenierung das Bhnenbild fortlaufend ndert und den Darstellern keine eindeutig Rollen zuzuordnen sind, bekommt der Zuschauer den Wechsel der Dramen Jelineks nicht bewusst mit. Es lassen sich so stets Analogien zum Einsturz des Stadtarchivs ziehen.

Der Nubbel ist schuld!

ber drei Stunden lang sieht und hrt der Zuschauer, wie die Natur als Sndenbock fr menschliche Irrtmer und fr durch Menschenhand verursachte Katastrophen herhlt. Bhnenfiguren, die in der Inszenierung einzeln, in Gruppen und als Chor auftreten, betrachten Einstrze als "natrlich" hervorgerufen und unabwendbar. Entschdigungsforderungen mssen so an die Natur gestellt werden. Lakonisch werden Mhen gescheut, Katastrophenursachen genauer zu erforschen und Menschen fr ihre Fehler zur Verantwortung zu ziehen. Es wird ausgerufen: "Vom Wasser haben wir es gelernt." Die Natur wird in einer wortflutartigen Inszenierung mythologisch berhht, um danach als Katastrophenursache vorgeladen zu werden. Am Anfang wird sie verkrpert durch unzhlige, auf Tische gestellte, Plastikwasserflaschen, welche die Bhnenfiguren zweckentfremden. Nachdem die Darsteller Wasser aufgenommen haben, lassen sie aus ihren Mndern in beeindruckender Mundmotorik Springbrunnen entstehen.

Spter geben sich zwei bemalte, halbnackte Darsteller als Personifikationen von Erde und Wasser in erotischen Tanzimprovisationen einander hin. Sie werden dabei von Broangestellten beobachtet, die zuvor eilig, aber stumpf und sinnentleert auf Computertastaturen einhmmerten und Telefonhrer bedienten. Schuldbewusst sehen sich Wasser und Erde eingekreist, bis die Erde von einem Angestellten in ein Wasserbecken geworfen wird. In diesem Moment fliet reales Wasser aus herabgelassenen Rohren und Erde fllt von der Bhnendecke auf die Bhne. Zuletzt steht die Spielbhne des Klner Schauspiels im Brackwasser und Darsteller reichen den Zuschauern der ersten Reihe dieses Wasser zum Weiterreichen. Absurd wirkte die Inszenierung mit den typisch Jelinekschen Wortspielereien schon zuvor. Sprachspiele, wie "die Bausparte sparte", werden bis ins Uferlose ausgereizt und Figuren heien Heidi und Peter, Schneepflckchen und Weirckchen, Hnsel und Tretel.

Uferlos Geschriebenes, ohne Boden. Das Geflle ist gefllig.

Darsteller tragen zuweilen abgerissene Karnevalsgarderobe, werfen sich gegenseitig in Mlltonnen, oder defkieren gestisch vor den Augen anderer Figuren auf die Bhne. Trotzdem fllt es schwer, ber die grotesken, befremdenden Provokationen zu lachen. Szenische Darstellungen kongruieren nicht mit vorgetragenen, ernsten und folgenschweren Inhalten. Das Publikum wird durch das scheinbar alberne Bhnengeschehen an der Nase herumgefhrt. Fast durchgehend werden von Figurengruppen oder durch Lautsprecher aus der Kulisse sehr frmlich wirkende, in Nuancen menschenverachtende und manchmal sexistische Texte vorgetragen. Wenn Korruption und menschliche Willkr beim Vortrag zum Ausdruck kommt, versuchen einige Figuren diese Inhalte zu vertuschen, indem sie Hnde vor eigene und fremde Mnder halten.

Ein ganzer Chor von in Unterhemden gekleideten Fremdarbeitern tritt gegen Ende der ersten Hlfte auf. In ihrem angenehm melodischen Sprechgesang heit es "man kann uns einsacken", "so wenig wie wir" und "wir werden nicht zu retten gewesen sein." Die Arbeiter lassen sich scheinbar ohne Selbstwertschtzung gewohnheitsmig ausbeuten. Die Mischung aus opernartigen, sanften Gesang, aus dem man immer wieder durch rhythmischen bis brachialen Vortrag wachgerttelt wird, lsst die Inszenierung zu einem akustischen Erlebnis werden.

"Ich werde mich selbst am meisten verschmerzen mssen."

Als Gemeingut scheint der Krper immer schon im Verschwinden begriffen. Ein Portraitbild von Elfriede Jelinek wird kurz vor dem Ende der ersten Hlfte minutenlang auf die Bhnenwand projiziert. Eine fr Jelineks Dramen typische Figur der Autorin tritt im Bhnenzentrum hervor und erklrt: "Ich bin lngst weg. [] Ich werde mich selbst am meisten verschmerzen mssen." Unmittelbar vor der Pause richten als Clowns kostmierte Darsteller den Blick ins Publikum und rufen wiederholt im ernsthaften Sprechgesang: "Sie drfen nicht sterben." Wird man hier als Publikum mit den Zwangsarbeitern gleichgesetzt, von denen "nichts brig bleibt"? Neben eine Art Panoramablick auf den Tod steht fr den Zuschauer die Frage im Vordergrund, wie lange man die Verantwortung abschieben kann. Unternehmer vertuschen ihre Schuld aufgrund von fehlender Solidaritt, Geldgier und Machtinteressen. Insgesamt ist "Das Werk. Im Bus. Ein Sturz" eine anregende, anspielungs- und ereignisreiche Inszenierung mit fast fnfzig Darstellern, wenn man Chor und Orchester mitzhlt. Obwohl Jelinek fr ihre integrierten Intertexte berhmt-berchtigt ist, wird der Zuschauer und Zuhrer wohl keine Textdokumente erhren knnen, die beim Einsturz des Stadtarchivs verloren gingen. Eine Wut ob dieser Unflle bleibt und diese Wut trgt man nach Hause.

Weitere Auffhrungen sind am 23., 24. und 28. November und am 3., 29. und 30. Dezember um jeweils 19:30 Uhr. Schauspiel Kln, Offenbachplatz, T.: 0221-221 282 56, info@schauspielkoeln.de

Texte von Elfriede Jelinek sind auf ihrer Website zu finden.

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