PiaMaria Gehle, Intendantin vom Theater der Keller
   
 

Premierendiskussion 2: Hajo Steinert, Johanna Marx, Helge Malchow
   
 

Nils Daniel Finckh, Regie und Bhnenbild
   
 

Johanna Marx, Darstellerin, Produzentin, Texterin
   
CW: Nils Daniel, Du bist seit 2003 am Schauspielhaus Hamburg beschftigt und hast dort in unterschiedlichen Funktionen etwa neun Inszenierungen betreut. Johanna, Du hattest lange ein Festengagement in Dortmund, bernahmst verschiedene Theaterarbeiten u. a. in Bonn und Bayern und warst Sprecherin fr den Rundfunk bei Hrspielen und Features. Es ist Dein erstes Theaterstck fr ein Privattheater und Deine erste Inszenierung in Kln. Warum ist Katja Lange-Mllers Roman Bse Schafe eine interessante Bhnenvorlage?

Johanna Marx: Das eher Deutschland-spezifische Ost-West-Thema berhrt ganz viele Menschen. Das Buch wurde meines Wissens in dreiig Sprachen bersetzt.

Nils Daniel Finckh: Viele Menschen knnen sich mit dem Stoff identifizieren. Diese Figur muss aus dem Roman heraus in das Leben hinein. Die Bhne ist eine verdichtete Form von Leben und ein Medium, um Geschichten zu erzhlen.

CW: Ihr bernehmt Lange-Mllers Buchtitel fr Eure Inszenierung. Welche Bedeutung hat der Titel Bse Schafe?

Marx: Der Bse Schafe-Titel fllt mehrfach in den Harry-Texten. An einer Romanstelle uert sich ein HIV-positiver gegenber einem Bewhrungshelfer: Du bist eine alte Petze, da wird ja sogar ein Schaf bse. In einem philosophischen Abschnitt in seinem Tagebuch teilt Harry Menschen in verschiedene Kategorien ein: bse und gut. Er nennt ja auch Soja ein Schaf, wie etwa folgendermaen: Wozu denn eigentlich, du Schaf? An dieser Stelle wird Verbindung zwischen den beiden aufgezeigt. Beides sind sozusagen bse Schafe.

CW: Wie habt Ihr die Rechte fr die Bhnenadaptation von Bse Schafe erworben und wie gingt ihr bei der Bhnenadaptation vor?

Marx: Seit zwei Jahren besteht ein persnlicher Kontakt zwischen mir und Katja Lange-Mller. Ich war begeistert von ihrem Roman. Ihr Verlag leitete meinen Fanbrief an sie weiter. Nach persnlichem Kennenlernen und Gesprchen bertrug sie mir die Rechte an einer Bhnenadaptation. Diese Adaptation war ein langwieriger Prozess. Ich schrieb das Hauptgerst der Bhnenfassung teilweise whrend der Proben und mit Hilfe von Katja Lange-Mller und einer Lektorin.

Finckh: Wir haben auch Filmrechte durch Katja Lange-Mller. Vielleicht folgt auf die Bhnenauffhrungen die Vorbereitung eines Films.

CW: Warum habt ihr aus Bse Schafe eine Monologinszenierung gemacht?

Marx: Das Buch ist als Erinnerungs-Monolog konzipiert. Harry ist bereits tot und die Erzhlerin hockt in ihrer Bude.

CW: Werden in Bse Schafe Geschlechterklischees bedient? Soja erscheint ja gegenber Harry recht unterwrfig und wird von Harry wiederholt verlassen und betrogen.

Marx: Harrys Motivation hinter dem Verbergen-Wollen ist eher durch seine Heroinsucht begrndet. Lgen, Betrgen hat nur peripher etwas mit Geschlecht zu tun; eine heroinschtige Frau wrde das bestimmt genauso machen. Soja erzhlt auch nicht viel von sich im Roman. Man erfhrt oberflchlich gesehen viel weniger ber Soja als ber Harry. Soja definiert sich ganz doll ber Harry. Wir lernen sie nicht als eigene Person kennen. Ihre Missbrauchssituation wird in Rckblenden angedeutet, aber nicht ausgeschmckt. Diese Rckblenden beschreiben ihre Kindheitssituation. Aber sonst geht es hauptschlich um Harry. Sie lst sich in Harry auf, badet in Harry.

Finckh: Es ist ein zeitloses Thema des Grundbedrfnisses zu lieben und geliebt werden zu wollen. Soja und Harry sind wie zwei Minusmagneten. Immer wenn sich der eine annhert, geht der andere fort. Sie knnen sich niemals berhren und Soja ist immer auf der Suche, endlich berhrt zu werden und Harry erreichen zu knnen.

CW: In der Buchvorlage sind die Figuren fast zwanzig Jahre lter als in Eurer Theateradaptation. Harry ist etwas jnger als Soja. Ist das Alter der Figuren fr die Geschichte wichtig?

Finckh: Fr uns war es keine zentrale Frage, wie alt die Figur ist. Wir versuchten eine bertragung des Alters auf das Alter der Schauspielerin.

Marx: Das tatschliche Alter in Beziehungen ist meiner Erfahrung nach total sekundr. Es kommt darauf an, wie man sich in Beziehungen eingroovt.

CW: Nils Daniel, was waren genau Deine Aufgabenbereiche als Regisseur der Inszenierung?

Finckh: Erst einmal habe ich mich auf die Suche nach einem Dialogpartner fr Johanna gemacht. Da habe ich einen Fisch gefunden, mit dem sie sich unterhalten konnte. Nun waren auf der Bhne also zwei Figuren. Zusammen starteten wir den Versuch eines gemeinsamen Weges zur Figur Soja. Ich instruierte Johanna darber, ob sie schneller oder langsamer sprechen und wie sie sich auf der Bhne bewegen sollte. Als Bhnenbild whlte ich die Toilette, sozusagen als Symbol fr Sojas Leben. Im beistehenden Aquarium schwimmt dann ihr Fisch Harry. Bei dieser Gelegenheit mchte ich gerne noch etwas loswerden. Meine Freundin Caro in Miami mchte ich gerne gren, die die Produktion von Miami aus untersttzend begleitete.

CW: Gibt es eine Pause bei Eurer Theaterinszenierung?

Marx: Den Stoff muss man einfach durchrotzen in einem Aufwasch. Der Zug darf nicht aufhren. Bei etwa 80 Minuten Spielzeit kann man keine Pause machen.

CW: Wie wrdet ihr Eure Inszenierung selber beschreiben und einordnen?

Finckh: Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Scheitern einer Figur. Keiner kann so genial Scheitern lassen, wie Katja Lange-Mller. Wir wollten die Genialitt des Scheiterns entdecken und kompensiert auf die Bhne bringen. Den Platz, den Harry Soja nicht gegeben hat, wollen wir Soja geben
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Marx: Die Inszenierung ist sehr textnah. Soja quatscht achtzig Minuten durch. Die wunderbare Sprache musste auf ein Viertel des Lange-Mller-Romans gekrzt werden. Wir hatten keine groen Theatermittel, mussten Themen krzen und haben uns auf Soja und Harry fokussiert. Uns ist es ein groes Anliegen und ein Appell an die ffentlichkeit, dass wir mit unserer Produktion fr den Erhalt des Theaters kmpfen wollen und dafr, dass das Theater berleben wird.

CW: Die zuvor von Johanna Marx angekndigte Intendantin des Theaters Der Keller, PiaMaria Gehle, ist gerade eingetroffen. PiaMaria, kannst Du die finanziell schwierige Situation des Theaters Der Keller genauer schildern?

PiaMaria Gehle: Das Theater der Keller ist ein Traditionstheater. Seit 55 Jahren gibt es dieses Haus schon und die angeschlossene Schauspielschule seit 56 Jahren. Mit Januar 2011 soll uns die Konzeptionsfrderung von der Stadt Kln gestrichen werden. Ohne Gelder der Stadt Kln mssten wir uns komplett selber tragen. 170.000 Euro gingen uns im Jahr verloren, wobei da zustzlich noch Drittgelder des Landes NRW und einer groen Stiftung verloren gingen, die an die Stadt Kln gekoppelt sind. Das wrde weniger Frderungssummen von ber 250.000 Euro im Jahr bedeuten. Ich knnte nur die Knstler, die Miete oder die Angestellten bezahlen, brauche jedoch alles Drei, um Theater zu machen. Auerdem wird das Haus gefhrt oder getragen von einem Trgerverein. Dieser trgt die Verantwortung fr den wirtschaftlichen Betrieb des Theaters Der Keller. Sie sind im schlimmsten Falle gezwungen, eine Insolvenz anzumelden, weil sie sich selbst sonst strafbar machen wrden. Wir sind der Meinung, dass das Theater der Keller eins ist, das man erhalten muss, weil es ein traditionsreiches Theater und ein Sprungbrett fr junge Nachwuchsknstler ist. Gleichzeitig frdert es die freie Szene, die unterfinanziert ist. Kultur ist ein erhaltenswertes Gut. Eine Stadt muss sich ihrer kulturellen Verantwortung bewusst sein, dafr auch einstehen und das kulturelle Gut der Stadt erhalten. Die freie Szene in Kln ist eine groe, wilde, schne, freie Szene, die nicht geopfert werden darf aufgrund einer Wirtschafts- oder Haushaltskrise.

CW: Gibt es noch weitere Theater in Kln, bei denen existentielle Frderungen der Stadt gestrichen werden?

Gehle: Alle Theater in der freien Szene in Kln kmpfen damit, dass sie wenig Geld haben. Das Theater Der Keller und das ARTheater in Ehrenfeld sind die beiden Huser, die ab 2011 keine Konzeptionsfrderung mehr bekommen sollen, die sie bis jetzt bekommen haben. Viele Theater bekommen weiterhin Konzeptionsfrderung, aber da ist nicht klar, wie viel gekrzt wird. Es sind existentielle Summen, die die komplette Szene betreffen. Das Damoklesschwert, gar kein Geld mehr zu bekommen, schwebt ber uns und ber dem ARTheater
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CW: Wie finanziert Ihr Euren Spielplan bis Ende des Jahres? Welche Wege geht Ihr, um das Theater Der Keller vor der Insolvenz zu retten?

Gehle: Bis Ende des Jahres fliet noch eine Kalenderjahresfrderung der Stadt Kln und damit flieen auch die Sekundrmittel. Bse Schafe ist die zweite von fnf Premieren bis Dezember. Ich mchte so viel wie mglich realisieren knnen, bevor wir evtl. kommendes Jahr pleitegehen. Wir mssen versuchen, Theater mit Theater zu retten und zeigen, was gerettet werden soll. Wir strapazieren das Haus, das Team und alles gerade ber. Wir wollen beweisen, dass wir hier gutes Theater machen und tolle Knstler haben. Sie sind alle der Meinung, dass es hier weitergehen muss. Das mssen wir mit Theater beweisen und das tun wir mit den fnf Premieren, die wir dieses Jahr haben, weil das unsere letzte Chance ist. Es muss und wird sich lohnen, hoffentlich.

CW: Wir wnschen es Euch. Eurem Theater viel Glck und alles Gute. Vielen Dank fr das Interview.

Einen Kulturtip und eine Theaterbesprechung zu Bse Schafe findet Ihr Hier und Hier

Theater Der Keller, Kleingedankenstrae 6, 50677 Kln

Weitere Termine: Di-Do 9.-11.11. I Di+Mi 14+15.12. Vorstellungsbeginn: Werktags 20 Uhr, Sonntags 18 Uhr I Ticket-Hotline: 0221-31 80 59

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