Oft meint man, es gbe nur bse Schfer oder ungeduldige, jhzornige Schafhirten. Auf die zwischenmenschliche Ebene bertragen heit das: es gibt auch Bse Schafe. Davon handelt der gleichnamige Roman der Ostberliner Autorin Katja Lange-Mller, der im Jahr 2007 beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien. Er stellt als Erinnerungsmonolog die Liebe der Gelegenheitsblumenverkuferin Soja zu dem an Aids erkrankten, kriminellen Junkie Harry dar.

Im Roman erschliet sich dem Leser die Gedankenwelt Sojas durch ihre Erinnerungen an die erste Begegnung mit Harry und die sich daraus entwickelnde Zweckgemeinschaft und Vertrautheit, aber auch die wiederholten Spannungen aufgrund von Harrys Sucht und seinem wiederholten Wunsch nach Abstand. Diese Geschichte wird in Kln zum ersten Mal in einer berarbeitung auf der Bhne inszeniert, wobei der Ausgangstext auf ein Viertel reduziert wurde.

Nhe und Distanz: Trume, die von der Wirklichkeit eingeholt werden

In der reduziert konzipierten Theateradaptation als Einpersonenstck mit einem gedachten Gegenber wird Sojas Liebe prgnant als einseitig empfunden portraitiert. Zu Beginn der Inszenierung befindet sich Soja auf einer Schaukel, von der sie nach dem abrupten Abbruch melancholischer Musik von Philipp Poisels Wo fngt dein Himmel an auf den Boden des Bhnengeschehens und gleichzeitig der Tatsachen geholt wird. Ein Bild, dass schon zu Beginn zeigt, dass es in dem Stck um das Thema Sehnschte, ja Trume und ihr Scheitern an der Realitt geht.

Jener Romanleser, der sich bei einer Bhnenadaptation vielleicht eine theatrale Umsetzung der zentralen, witzigen und ungewhnlichen Handlungen, Konflikte und Situationen erhoffte, wird durch eine Monologinszenierung enttuscht. Harry erscheint auch hier nur als eine Bildprojektion und als erinnerte Stimme aus der Kulisse. Der Zuschauer, der mit dem Bse Schafe-Romaninhalt nicht vertraut ist, wird zu Anfang der Inszenierung mit einer Flle von Namen der Romanfiguren konfrontiert, aber ber ihre Bedeutung fr Soja zunchst im Unklaren gelassen.

Tiefe Einblicke: Sojas Lebensrevue auf der Kloschssel

In der Bhnenadaptation als Monolog stehen naturgem weniger die Interaktion der Figuren im Vordergrund als im Roman. Das Unterschichtenmilieu wird durch ein schlichtes, farbloses Bhnenbild reprsentiert. Nach dem Konzept von Regisseur Nils Daniel Finckh dominiert eine Toilettenschssel das Bhnenzentrum und ein Aquarium mit rotem Plastikfisch am rechten, vorderen Rand setzt einen dramaturgischen Akzent. In schlampiger Unterwsche zeigt sich die Hauptfigur dem Publikum und entledigt sich einige Male sogar dieser, wobei sie dem Publikum Einblicke gewhrt, die in ihrer Intimitt ihren Erinnerungen an ihre Erlebnisse mit Harry in nichts nachstehen.

Provokante, kurzzeitige Bhnenszenen lockern dicht vorgetragenen Text

Egal, wie man der Hauptfigur auf der Bhne begegnet, ob mit Widerwillen oder mit Ekel, man wird als Publikum auf die Seite Sojas gezogen. Sobald Harry oder ein Musikeinspieler aus der Kulisse ertnen, lauscht man gemeinsam mit Soja den melancholischen und sffisanten Statements als ersehnte Widerparts zu ihren Gefhlen und Erinnerungen. Die gesamte Inszenierung wirkt so, als wrde ein eindrucksvoller Text mit nuanciertem Ausdruck vorgetragen. Die eigentliche Handlung entsteht, wie beim Lesen des Romans, als Bilder in den Kpfen des Publikums.

Diskrepanz zwischen Schauspiel und Literatur scheint aufgehoben

Als kondensierte Bhnenadaptation hat Bse Schafe trotzdem eine strkere Wirkung, da das Publikum im Gegensatz zum Romanleser stndig mit dem Leiden der Bhnenfigur konfrontiert ist. Es gibt kaum eine Mglichkeit, sich der Intensitt des Geschehens zu entziehen. Johanna Marx gelingt es, eine Mischung aus Nhe und Distanz zu der Bhnenfigur zu vermitteln: die Zerrissenheit ihrer Liebessehnsucht und des Frusts ber ihre empfundene Selbstaufgabe.

Bei einer derart textnahen Inszenierung stellt sich die Frage nach dem Sinn einer Bhnenumsetzung des Romans. Kanonisierte Autoren wie Elfriede Jelinek oder Heiner Mller stellen Sprachmonologe und weniger Bhnenhandlungen in den Vordergrund ihrer Theaterstcke. Die Monologinszenierung von Bse Schafe entspricht einem allgemeinen Trend des modernen Theaters. Der Zuschauer mag sich fragen, ob ihm der umfangreichere Roman nicht doch die zutrglichere Form der Annherung an Katja Lange-Mllers Werk sein knnte. Der Leser bzw. Theaterbesucher mag entscheiden, ob ihm die Bhneninszenierung eine andere Qualitt der Rezeption erffnet, als das bloe Lesen des Romans.

Theater Der Keller, Kleingedankenstrae 6, 50677 Kln
Weitere Termine: Sa+So 9.+10.10. I Fr-So 22-24.10. I Di-Do 9.-11.11. I Di+Mi 14+15.12. Vorstellungsbeginn: Werktags 20 Uhr, Sonntags 18 Uhr, Ticket-Hotline: 0221-31 80 59

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