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Wer das von Kritikern hochgelobte Stück Sutra gesehen hat, weiß: Ja, und wie! Campus-web war bei der Kölner Premiere im Opernhaus dabei. Ein schlichter, weißer Bühnenraum. Links im Schneidersitz ein Mann, der die Figuren eines Brettspiels zu bewegen scheint. Weiter hinten betritt ein chinesischer Mönch in grauer Kutte die Bühne. In seinen Händen hält er ein langes silbernes Schwert, das er mit fließenden Bewegungen vor sich herschwingt. Tänzelnd bewegt er sich von einer Seite zur anderen, immer konzentriert auf seinen imaginären Gegner. Jede seiner eleganten Bewegungen wird von den Handbewegungen des vorderen Mannes mitvollzogen; in abstrahierter Form zwar, aber deutlich erkennbar. Untermalt von den ätherischen Klängen einer Geige verschmelzen die tanzenden Arme vorn und die Kampfkombination hinten miteinander. Dieses ruhige und gleichzeitig kraftvolle Eingangsbild gehört zu den stärksten Szenen von Sutra: Unwillkürlich fragt man sich, wie man jemals an der unleugbaren Verwandtschaft von Kung Fu und Tanz hat zweifeln können. Denn dass die leichtfüßigen Bewegungsfolgen der chinesischen Kampfkunst letztlich nichts anderes als eine Form des Tanzes sind, wird hier ganz deutlich. Schwerelos Die anfängliche Ruhe weicht jedoch schon bald einem dynamischen Feuerwerk: Zwanzig chinesische Mönche erobern die Bühne mit waghalsigen Kampfkombinationen, meterlangen Flick-Flack-Variationen und halsbrecherischen Sprüngen. Dabei bewegen sie sich durch eine Bühnenlandschaft, die in permanentem Wandel begriffen ist. Deren Grundbestandteil: Etwa zwei Meter hohe Holzkisten, die die Mönche in Reihen aufstellen, zu Quadern oder Bogenformen gruppieren oder auch einmal wie eine Reihe Dominosteine umkippen lassen – und zwar während sie selbst im Innern stehen. Immer wieder kommen die Mönche mit einem einzigen Sprung auf den aufgestellten Kisten zu stehen – die Gesetze der Schwerkraft scheinen für die durchtrainierten Geistlichen nicht zu gelten. Dieses ausgeklügelte Bühnenkonzept, das der britische Künstler Antony Gormley entwickelt hat, lässt stellenweise eindrucksvolle Bilder entstehen, deren Zauber sich der Zuschauer kaum zu entziehen vermag. Etwa wenn alle Mönche – nun in schwarzen Anzügen – auf ihren Holzstelen sitzen und gleichzeitig, nur mit ihren Armen eine kleine, feine Choreographie vollführen. Effekthascherei statt Tanz Leider werden solche durch und durch tänzerischen Momente immer wieder von Szenen unterbrochen, die allzu sehr an Kampfkunst-Shows oder Bruce Lee-Filme erinnern. Die technische Brillianz dieser kämpferisch-akrobatischen Einlagen verfehlt ihre Wirkung nicht – in Köln sorgte sie für staunende Gesichter und minutenlange stehende Ovationen. Auch die Kritiker sind begeistert: 2008 wählten sie Sidi Larbi Cherkaoui zum Choreographen des Jahres; 2009 kürten Kritiker der renommierten Fachzeitschrift ballettanz Sutra zur Aufführung des Jahres. Dass das Stück viele schöne und beeindruckende Momente beinhaltet, ist unbestreitbar. Aber angesichts aneinandergereihter Kampfvariationen kann man sich schon fragen, wo da neben aller Effekthascherei eigentlich der Tanz geblieben ist. Die Blutsverwandtschaft von Tanz und Kung Fu scheint zwar an einigen Stellen auf, wird aber nicht zu Ende gedacht. Schade eigentlich. Sutra ist in Köln nicht mehr zu sehen. Wer sich dennoch ein Bild von Sidi Larbi Cherkaouis choreographischer Sprache machen will, der sollte nach der Sommerpause die Kölner Oper besuchen: Am 21. und 22. September wird hier sein Stück Babel zu sehen sein.
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