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Einst geriet die Erde unter den Einfluß eines Kometen. Als Folge davon gab es Überschwemmungen, die im alten Mexiko die Bevölkerung stark dezimierte. Zu den Überlebenden zählt Koxkox, ein junger Mann, mutmaßlich der letzte seines Volkes. Koxkox verbringt Jahre mit einem Papageien, bevor er eines Tages im Wald ein Mädchen findet. Und da er niemals zuvor eines gesehen hat, ist er dementsprechend beeindruckt. Es kommt, wie es kommen muß: die beiden ver- und lieben sich. Er nennt sie Kikequetzel. Verständigungsschwierigkeiten gibt es nicht, denn obwohl das Mädchen einem anderen Volk entstammt, hat die Natur dem Menschen an sich ja alles gegeben, um sich im Naturzustand auf natürliche Weise naturgemäß zu verstehen und zu verhalten. So leben also Mann und Frau herrlich und vor allem in Freuden zusammen, ganz nach ihrer Natur. Doch etliche Jahre und zahlreiche Kinder später trifft Kikequetzel zufällig auf einen anderen Mann. Die Natur nimmt auch hier ihren Lauf. Anfangs herrscht in der kleinen Kommune aus Koxkox, Kikequetzel und dem Neuankömmling Tlaquatzin zwar durchaus Harmonie, doch schlägt die Stimmung um, als Kikequetzel Koxkox allzu sehr vernachlässigt. Der Verschmähte wandert aus, findet gleich drei andere Frauen und kehrt nach einer Weile mit ihnen zurück, da er Kikequetzel vermißt. Ein Eifersuchtsreigen entspinnt sich. Und schnell wird klar, daß das Glück des Menschen zwangsläufig an Hunderten von zufälligen Gegebenheiten zu scheitern vermag. Denn der Mensch kann nicht anders, als auf mannigfaltige Art und Weise in sein Unglück hineinzustolpern, wie die Geschichte der Stammeltern Mexikos beispielhaft zeigt. Den Raum der Vorlage gekonnt ausgekostet Die Novelle "Koxkox und Kikequetzel – Eine mexikanische Geschichte" von Christoph Martin Wieland ist höchst satirisch, höchst philosophisch und höchst amüsant. Thomas Franke inszeniert daraus eine szenische Lesung, in der er zusammen mit Inga Eickmann die Novelle nicht bloß szenisch illustriert, sondern sie in ihrem satirisch-philosophischen Kern voll trifft. Das Pikante der Geschichte wird den Zeitgenossen Wielands schon recht anstößig erschienen sein. Immerhin ist die Quintessenz genauso klar wie höchst peinlich: Die Natur hat es so gelegt, daß der Mensch am besten sich selbst der Nächste ist. Und was das Zusammenleben der Geschlechter angeht: Der Mensch will im Naturzustand eigentlich immer nur das Eine. Und Mann wie Frau geben sich hier nichts. Gar nichts! Das hat seinerzeit vor allem die Anhänger Rousseaus düpiert. Doch bei allem sittlich-philosophischen Zündstoff ist die Geschichte niemals albern-überzogen. Das szenische Spiel balanciert sehr gekonnt auf dieser Linie. Dazu tragen die Requisiten ebenso wie die liebevolle akustische Untermalung bei. Das Augenzwinkern ist unübersehbar, und mitunter scheint die ein oder andere Frivolität durch, die jedoch ganz im Stil der Vorlage nicht überzieht. Thomas Franke und Inga Eickmann sind nicht nur Vorleser, sondern nehmen feste Rollen ein. Das macht die Lesung zu einem echten Bühnenstück und eröffnet einen weiten Spielraum. Großartiges Duett Thomas Franke – sowieso ein großer Leser – tritt als eine Art Philosoph auf. Seine Rolle nähert sich somit Wielands fiktiver Quelle an, dem großen Weisen Tlantlaquakapatli. Sie trifft ihn jedoch nicht, sondern karikiert den Typus des bemühten "Weitblickenden" sehr gekonnt und detailverliebt, buchstäblich bis zu den Socken. Dadurch kommt eine Distanz zustande, die das Satirische der Geschichte aus einer Perspektive erschließt, die noch über dem Wielandschen Erzähler angesetzt ist. Das macht für das Stück überhaupt erst eine zweite Hauptrolle möglich. Inga Eickmann füllt die als unübersehbar weiblicher, aber auch sehr starker Konterpart souverän, kontrolliert, mit treffsicherer Lesestimme und mit hoher Präsenz aus. Das Stück gewinnt daraus auffallend großen Charme. Die beiden Schauspieler harmonieren prächtig. Lustig ist es ohnehin, da die literarische Vorlage allein schon genügend Gelegenheit zum Lachen gibt. Es ist mit viel Witz inszeniert und läßt auch die nötige Pikanterie nicht vermissen, die den FSK-18-Stempel im großen und ganzen rechtfertigt. Und im kleinen Theater "Die Pathologie" wirkt das alles ohnehin noch einmal so gut. Der Premiere am 15. Juli folgten Vorstellungen an beiden Folgetagen. Weitere Termine sind vorgesehen. Das muß auch unbedingt so sein, denn hier wird wirklich was geboten! Eine Lektion, aus der auch der Mensch unserer Zeit etwas lernen sollte... oder es zumindest doch mal versuchen könnte... Zur Theaterhomepage.
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