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Was muss das für eine Zeit gewesen sein, als das Theater noch provozieren konnte. Peter Handke gelang 1966 mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ ein großer Wurf; die imaginäre Wand zwischen Zuschauersaal und Bühne wurde so stark beschädigt wie selten zuvor. Statt einlullender Szenen und wohl platzierter Botschaften wird das Publikum direkt angesprochen, direkt in die Inszenierung einbezogen. Dem „klassischen“ Zuschauer ging das natürlich ziemlich gegen den Strich.

Auch Handkes „Kaspar“ aus dem Jahr 1968 ist als Sprechstück konzipiert, der Autor benutzte selbst einmal den Ausdruck „Sprechfolter“. Sprache dominiert hier nicht nur die Bühne, Sprache wird direkt zum Thema. Inspiriert wurde der Text durch die Geschichte des Kaspar Hauser, der ohne gesellschaftlichen Kontakt zu Menschen aufgewachsen sein soll. Handkes Kaspar entdeckt gemeinsam mit seinem Publikum die Welt der zwischenmenschlichen Verständigung. Zuschauer sollten sich also auf einen steten Dialog einstellen – wer sich gemütlich zurücklehnen möchte, meidet dieses Stück.

Die Angst vor der ersten Reihe

Oder? Bei der Premiere der Kaspar-Inszenierung von Regisseur Alexander Riemenschneider in der Werkstatt-Bühne der Bonner Oper lässt sich hierzu Interessantes beobachten. Das Publikum scheint genau zu wissen, worauf es sich einlässt, und meidet die erste Sitzreihe. Erst zum Schluss füllen sich auch diese Plätze – gezwungenermaßen, denn natürlich ist der Abend ausverkauft. Egal auf welchem Platz, die Zuschauer sitzen ständig auf dem Präsentierteller, denn während des Stücks bleiben die Scheinwerfer über ihnen eingeschaltet. Soviel zur einen Seite des Geschehens, aber was passiert auf der Bühne?

Drei Stellwände sieht man dort, und auf ihnen sieht man Photos der Wände, die sich dahinter befinden. So bleibt ein Rückzugsraum für die vier Schauspieler, die den Abend bestreiten. Zu Beginn treten sie an den vorderen Bühnenrand, sehen sich eine gefühlte Ewigkeit lang stumm jedes einzelne Gesicht im Publikum an und schreien dann plötzlich laut los. Der erste Kontakt ist hergestellt, nun kann „Kaspar“ (humorvoll neurotisch: Hendrik Richter) seinen ersten Satz an den Mann bringen. Ebenfalls eine gefühlte Ewigkeit lang wiederholt er sein Mantra, dann möchte er einen unfreiwilligen Dialogpartner in der ersten Reihe dazu motivieren, den Satz für ihn zu vervollständigen. Eine weitere Ewigkeit später klappt das dann auch. Hier hätte jemand den Abend wohl doch lieber als Unbeteiligter verbracht.

Kaspars Kollegen erklären im Anschluss die Welt der Sprache in gestelzter Fröhlichkeit, der soziale Sonderfall rennt dagegen von einer Saaltür zur nächsten. Ein wenig Slapstick unterstreicht den Humor, der in die eigentlich trockenen Aneinanderreihungen des Textes injiziert wird. Mal spielt Kaspar mit einer ferngesteuerten Eisenbahn, dann setzt das Ensemble sich Wolfsmasken auf. Einer der Wölfe bleibt auf der Bühne und erklärt die Wichtigkeit des „Neins“, und statt Kaspar Hauser denkt man kurzfristig an andere Findelkinder wie Romulus und Remus oder Mowgli, die außerhalb der menschlichen Gesellschaft sehr wohl gut herangezogen wurden. Oder man findet das einfach lustig, dass da ein Mann auf allen Vieren eine theoretische Abhandlung knurrt.

Stimmung wie im Fernsehgarten

Das Publikum muss auch nicht mehr viel tun, außer etwas lustig zu finden. Die repetitiven Lektionen zur richtigen und falschen Verwendung von Sprache unterhalten mit eingestreuten Nonsens-Aussagen. Sobald mal wieder ein absurder Fehler unterlaufen ist, wird wie auf Kommando gelacht – die Premierenbesucher zeigen sich hier sehr dankbar. Irgendwann wird eine kleine Pause ausgerufen, in der man gerne auf der Bühne einen Sekt trinken, sich mit Kaspar photographieren lassen oder auch mit dem ferngesteuerten Zug spielen darf. Der Ansturm hält sich in Grenzen, vom Platz aus sieht das aber alles sehr lustig aus. Lustig geht’s auch danach weiter, denn als Kaspar sich als Star des Abends zu den Klängen der 80er-Disco-Hymne „I Am What I Am“ feiern lässt, klatscht das Plenum den Viervierteltakt wie im Fernsehgarten mit. Zumindest eine Zeit lang, dann wird’s anstrengend, wenn nicht sogar langweilig. Und auch Kaspar grinst nur noch verbissen, während Kunstblut aus seinem Mund fließt.

Als Höhepunkt wird der Zuschauerraum ein letztes Mal in Angriff genommen, durch einen großen Ventilator wird schwarzes Konfetti verteilt. Vielleicht die angenehmste Szene des Stücks, unter den Scheinwerfern wurde es auf die Dauer nämlich ganz schön warm. Ein letzter Schrei, danach begeisterter Applaus. Für ein Ensemble, das die Absurdität seiner Rolle voll ausgelebt hat. Und für das Team um Regisseur Riemenschneider, der Handkes Sprach-Demontage zur ironischen Unterhaltung gemacht hat. Ein Aufrütteln des Publikums, wie Handke es ursprünglich beabsichtigt hatte, fand nicht statt – zu stark haben sich die Gewohnheiten im Theater geändert. Der einzige Weg aus der Lethargie scheint nur noch die humoristische Brechung zu sein, wodurch eine Art Nonstop Nonsens für das Bildungsbürgertum entsteht. An die 60er erinnern neben den Schlagersänger-Anzügen und den Fernseh-Ansagerinnen-Kostümen nur noch vereinzelte Anspielungen auf Regeln der sozialen Gerechtigkeit. Früher ein Diskussionsansatz, heute business as usual. Publikums-Provokation, gestern warst du schöner.

Weitere Termine: 01.07., 06.07., jeweils 20 Uhr
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