Amazon


   


Von April bis Juli 2010 findet in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten das Kulturfestival Scene Ungarn in NRW statt. 109 Künstler und Kompanien aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film, Kunst und Dialog geben Einblicke in die zeitgenössische ungarische Kulturszene.

Csongor ist ein junger Lebenskünstler. Er stammt aus einer donauschwäbischen Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg deportiert wurde. Jetzt ist er von Berlin wieder in die Heimat seiner Ahnen gezogen, ins alte Haus direkt am Ufer der Donau. Dort schreibt er die Geschichte seiner Familie, will dem verfallenen Anwesen die Geheimnisse entlocken.

Er lernt die Schauspielerin Tünde auf einem Ball kennen. Die beiden verlieben sich in einander und wohnen bald zusammen in dem alten Gemäuer. Csongors Arbeit am Manuskript kommt aber nur langsam voran. Zu langsam für Tünde. Sie zerstreiten sich, sie verläßt ihn. Da erscheint Csongors Vorfahre Jacob, der seit über zweinhundert Jahren schon auf dem Dachboden wohnt. Er beginnt zu erzählen, und vor Csongors Augen laufen die Geschehnisse der Vergangenheit in zwei großen Episoden erneut ab.

Geschichten aus der Geschichte

Ein roter Faden in der Geschichte von Csongors Ahnen sind die Widrigkeiten, mit denen sich die Ungarndeutschen durch die Zeit hinweg auseinanderzusetzen hatten. Es beginnt beim Urahn Daniel Dreszler, der in der Zeit der ungarischen Revolution 1849 unehelich die Linie bestimmt, indem er gegen alle Konventionen der isolationistischen Dorfbevölkerung die schöne Anni liebt. Wenig später wird der unerschrockene Komödiant als Hochverräter erschossen. Ausgerechnet ein Faschingsball ist ihm zum Verhängnis geworden.

Die zweite Episode spielt nach dem Zweiten Weltkrieg. Landesweit werden Ungarn deutscher Nationalität als Faschisten gebrandmarkt, enteignet und deportiert. Der sanfte Künstler Matthias Dreszler, ein Nachfahre Daniels, lernt unter diesen Umständen Krisztina kennen. Sie ist Kommissarin der Regierung, doch verliebt sie sich in den Schöngeist. Sie kann ihn zwar vor der Vertreibung schützen, doch Matthias sieht den Verrat einstiger Freunde und verbittert darüber. Er geht freiwillig ins Exil. Auf dem Bahnhof eilt Krisztina ihm nach – ins Ungewisse.

Zwischen diesen beiden Rückblicken hat Csongor mit Problemen der Gegenwart zu kämpfen. Zwar haben sich die politisch-gesellschaftlichen Umstände verändert, aber das Haus ist verstaatlicht und er hat kein Geld. So steht die Staatsmacht auch bei ihm vor der Tür und droht mit Zwangsräumung.

Tragische Revue und komisches Drama

Der erzwungene Auszug bleibt aus – aus unglaublichen wie komischen Gründen. Überhaupt ist die Gegenwart Csongors so ganz anders in Szene gesetzt als die Vergangenheit der Familie: ist diese durchweg tragisch-ernst, bleibt jene im Rahmen der Komödie. Das Stück ist dadurch zweigeteilt, die Bezeichnung "historische Revue" überaus treffend.

Die Gratwanderung zwischen ernsthafter Tragik in den Rückblicken und augenzwinkernder Komödie in der Rahmenhandlung gelingt. Eingestreute alte "donaudeutsche" Volkslieder stellen die Naht zwischen den beiden Ebenen dar und geben dem Stück das passenende Kolorit. Überhaupt ist das mit den authentischen Kostümen und Requisiten liebevoll eingefangen.

Die "doppelte Gemütslage" des Stückes verlangt von den neun Schauspielern schnelle Wechsel in zahlreichen Doppel- und Dreifachrollen. Das Ensemble zeigt hier seine Klasse. Besonders sticht Melinda Pitz hervor. Als Tünde, Anni und Krisztina ist sie wechselseitig stolz-temperamentvoll, unschuldig-verletzlich und nachdenklich-entschlossen. Jeder ihrer Rollen verleiht sie dabei zarte Verletztlichkeit. Dadurch sind die drei Frauen einerseits schwach, andererseits aber auch wieder sehr stark: alle drei treten Schicksalen gegenüber, die im Falle Annis und Krisztinas das Äußerste der Person fordern. Nur bei Tünde bleibt die Katastrophe aus, und mit ihrer Rückkehr zu Csongor bringt sie die von Schicksalsschlägen bestimmte Ahnengeschichte zu einem versöhnlichen Ende und schließt den Kreis des Stückes.

Großartiges Ensemble

Der schönen Melinda Pitz bei diesem Spiel zuzusehen, die Tragik der Geschehnisse in Stimme, Haltung und Audruck so klar gespiegelt zu finden, ist ungeheuer ergreifend und treibt dem Betrachter beinahe Tränen in die Augen.
Christoph Fortmann gibt großartig den linkischen "Nachwuchs-Bohème", der durch Bernd von Böhmches als Jacob einen ernsten und durchweg sehr präsenten Gegenpart bekommt, der ihn jedoch nicht überrennt. Gergö Farkas ist besonders als József herrlich naiv, als Beamter im Zwischenspiel wunderbar überfordert-korrumpiert und als Vollstrecker im Ledermantel nüchtern-bedrohlich.

Kata Lotz ist als eifrige Polizistin höchstcharmant ironisch-kokett, Richárd Máté vor allem als perfider Johann beeindruckend. Andrei Hansel hat mit Daniel und Matthias Dreszler schließlich Hauptrollen, die charakterlich unterschiedlicher nicht sein können: Daniel ein furchtloser Tiefgeist, der das Leben am liebsten bei den Hörnern packt, auch wenn das den Tod bedeutet. Dagegen Matthias, sanft-verträumt und überhaupt nicht der markante Revoluzzer wie sein Vorfahr. Andrei Hansel brilliert hier, strahlt besonders als Daniel Dreszler ungeheure Präsenz aus.
In Nebenrollen treten Sandor Szalay, Florin Gabriel Ionescu und Ildikó Frank auf, die zusammen mit Kata Lotz und Melinda Pitz auch die Lieder singt.

Mehr als politische Geschichte

Das Stück von Sándor Pruzsinszky wurde von Clemens Bechtel für die Deutsche Bühne Ungarn inszeniert. Für die Scene Ungarn wurde es vom Euro Theater Central vermittelt. Gut besucht war es im Theater in der Brotfabrik nicht; ein Umstand, den Stück und vor allem Ensemble nicht verdient haben!

Denn trotz der manchmal leicht überzogen komödienhaften Rahmenhandlung ist das Stück sehr tiefgründig. Es erreicht hohe Intensität, indem es kontroverse Kapitel ungarischer Geschichte nicht nur rein politisch-historisch präsentiert, sondern sie mittels einer Familiengeschichte greifbar macht. Das illustriert den Einfluß politischer Entwicklungen auf konkrete Menschen, die Auswirkung historischer Umstände auf das Menschliche in der Person. Alle Handelnden sind Opfer von Zeitumständen, die angesichts der tiefen Tragik ihrer Folgen grausam sind. Und doch sind gerade diese Umstände menschengemacht, sind menschlich, ohne menschlich zu sein – sind un-menschlich.

Und genau das ist die Erkenntnis, die die Kultur dem Menschen niemals genug spiegeln kann. Genau das ist es auch, was das Stück zu einem beeindruckend europäischen Stück macht.

Bravo, deutsche Bühne Ungarn! Bravo, Clemens Bechtel! Bravo, Ihr großartigen Schauspieler! Dieser Abend war wirklich sehr schön – und wenn auch nicht einmal zwanzig Zuschauer zugegen waren: die Kultur hat's zur Zeit eben schwer, und zwar im ganzen Land. Ein rettendes Ufer ist noch lange nicht in Sicht, aber Ihr wart ein großartiger Ruderschlag! Vielen Dank dafür!

Und es tut gut zu wissen, daß Europa doch eine Sprache sprechen kann, wenn seine Bürger es nur wollen...


Deutsche Bühne Ungarn.

Zur Festivalhomepage.

Scene Ungarn in NRW bei Facebook und Twitter.

Artikel drucken