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Das Brecht’sche Werk über das "Leben des Galilei" ist eines der bedeutendsten deutschen Literaturwerke der jüngeren Vergangenheit. Dass man seinen Faible für Verfremdungseffekte dabei auch sehr gelungen mit venezianischen Masken kombinieren kann, beweist nun das Horizont Theater in Köln, dessen Inszenierung des Stückes am Mittwoch, 5. Mai 2010, Premiere feierte.

Das Leben des Galilei

Das Ende steht ganz am Anfang: Nicopolous‘ Inszenierung beginnt mit den letzten Lebensjahren Galileis. Galileo Galilei (überzeugend: Rainer Hannemann) sitzt auf einem Stuhl und isst Brei. Er wirkt alt und gebrechlich, versinkt beinahe in seinen viel zu weiten Hosen. Doch der Schein trügt - die Rolle des senilen Greises ist nur gespielt. Tatsächlich hat Galilei trotz eines Verbot seitens der Kirche heimlich weiter geforscht und sorgt dafür, dass seine Aufzeichnungen ins Ausland geschmuggelt werden können. Doch noch besteht Hoffnung auf einen Fortschritt der Menschheit durch die Wissenschaft, auch wenn diese zeitweise durch die Obrigkeit unterdrückt wird.

Dann wird die Zeit auf der Bühne zurückgedreht; der Erzähler ruft das Jahr 1609 aus. Der nun auf der Bühne stehende jüngere Galilei ist voller Forschungseifer und Zuversicht, während er seinem Lieblingsschüler Andrea das kopernikanische Weltbild erklärt oder mithilfe seines Teleskops die Bewegungen der Gestirne nachvollzieht. Seinen Optimismus stellt er den Warnungen seines Freundes Sagredo entgegen: "Ich glaube an den Menschen, und dass heißt, ich glaube an seine Vernunft!"

Sein Glaube an Fortschritt und die menschliche Vernunft wird erst getrübt, als er feststellt, dass die Kirche sich nicht durch Beweise, die die Richtigkeit der kopernikanischen Lehre belegen, überzeugen lässt.

Die von Galilei eingeladenen Wissenschaftler, denen er mithilfe eines Teleskops die Planetenbewegungen zeigen möchte, sind maskiert. Einer von ihnen trägt die Maske des langnasigen und bebrillten Dottore aus der Commedia dell’arte, bekannt durch seine gelehrt klingenden, aber im Wesentlichen inhaltlosen, Vorträge. Diesem Charakter entsprechend redet der Kirchenvertreter wild gestikulierend auf Galilei ein, ohne ein vernünftiges Argument gegen dessen Behauptungen vorbringen zu können; sein Kollege schnarcht währenddessen an einen Pfeiler gelehnt vor sich hin.

Buntes Maskenspiel

Da die Commedia dell’arte sich zu Lebzeiten Galileis durchaus großer Popularität erfreute, wirken die Maskierungen des Dramenpersonals nicht anachronistisch. Dennoch erstaunt der Einsatz von Masken zunächst und zieht die Frage nach sich, inwiefern die Mittel des epischen Theaters überhaupt mit dem italienischen Improvisationstheater vereinbar sind.

Die Inszenierung beweist aber, dass eine Kombination beider Theaterformen möglich ist, und dass die feststehenden Charaktere der Commedia dell’arte mitunter sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Brechts nur durch wenige Charaktermerkmale gekennzeichnete Figurentypen aufweisen. Der Charakter des schwatzenden Dottore wird hier deckungsgleich mit dem kirchlichen Vertreter der Wissenschaft, der Galileis logische Beweisführung mit leeren Phrasen abweist.

Wie die beiden kirchentreuen Forscher tragen auch alle anderen männlichen Figuren außer Galilei bunte Masken, anhand derer sie identifiziert werden konnten. Der Bezug zur Commedia dell’arte wird somit das gesamte Stück hindurch aufrechterhalten.

Vielseitiges Ensemble

Das umfangreiche Dramenpersonal wurde mit nur vier Schauspielern besetzt. Mit dem Wechsel ihrer Masken schlüpfen sie in Sekundenschnelle in eine andere Rolle, versetzen sich in die verschiedensten Charaktere hinein und beweisen damit eine enorme Wandlungsfähigkeit. So verkörpert Björn Lukas einerseits den blaumaskierten Andrea, andererseits Galileis Tochter Virginia, die, ein dümmliches Lächeln auf den Lippen und eine Haube auf dem Kopf, affektiert über die Bühne tippelt.

Obwohl männliche Schauspieler, die mit hoher Fistelstimme Frauen spielen, oft eingesetzt werden, um das Publikum zu amüsieren, wirkt die Besetzung der Virginia in diesem Fall nicht einfach wie ein billiger Lacher, sondern erhöht durch Verfremdung die im Sinne Brechts angestrebte Distanz des Publikums zu den Dramenfiguren noch. Der gekonnte Einsatz des epischen Theaters in Kombination mit Elementen der Commedia dell’arte trägt so zur Überzeugungskraft dieser Inszenierung des Brecht’schen Wissenschaftsdramas bei.

Schluss und Schluss

Die Inszenierung stellt die Komplexität von Galileis Charakter heraus, der im Gegensatz zu den Typ-gerechten übrigen Figuren, nur schwer zu bewerten ist. Dies zeigt sich insbesondere im Vergleich der beiden alternativen Schlussszenarien, die zu zwei unterschiedlichen Bewertungen seines Handelns führen.

Die Inszenierung endet mit dem 14. Bild der dritten Fassung, das ein deutlich pessimistischeres Bild von der Wissenschaft zeichnet als dies in der Fassung von 1938/39 angelegt ist, mit der die Inszenierung einsteigt: Galilei bekennt sich schuldig, aus Bequemlichkeit die Wissenschaft verraten zu haben. Gleichzeitig wirft er der modernen Wissenschaft aber auch vor, in Kauf zu nehmen, dass neue Erfindungen neue Übel hervorbringen können. Das hoffnungsvolle Ende der früheren Fassung wird durch den zweiten Schluss demnach infrage gestellt.

Die daraus resultierende Frage nach dem richtigen Umgang mit wissenschaftlichen Entdeckungen führt unweigerlich zu weiteren Fragen: Wie weit darf die Wissenschaft gehen? Inwiefern spielen ethische Fragen bei der Forschung eine Rolle? Diese Fragen sind heute, in unserer von neuen Technologien bestimmten Zeit, noch mindestens genauso aktuell wie zu Lebzeiten Brechts.

Leben des Galilei

Ort: Horizont Theater
Regie: Christos Nicopoulos
Dramaturgie: Reiner Ortmann
Darsteller: Rainer Hannemann, Andreas Kunz, Björn Lukas, Gregor Röttger

Weitere Termine: 19.05., 04.06., 11.06., 12.06., 26.06.

Horizont Theater


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