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Von April bis Juli 2010 findet in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten das Kulturfestival Scene Ungarn in NRW statt. 109 Künstler und Kompanien aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film, Kunst und Dialog geben Einblicke in die zeitgenössische ungarische Kulturszene. Wir schreiben das Jahr 2060. Vor exakt 50 Jahren, am 26. April 2010, begann der Anfang vom Ende. Genau hier, mitten in Bonn. Hier, unmittelbar vor dem theaterimballsaal in Endenich sah man die ersten Anzeichen von "The Cloud" (zu dt.: "Die Wolke") aufziehen. Kein Wunder also, dass das Theater-Ensemble Space nun genau hier das "Museum of 2010" installiert hat, das am Montag- und Dienstagabend seine Türen für die Bonner Kulturfans öffnete. Ein Museum in Endenich Das theaterimballsaal wurde in ein Museum umgewandelt? Gehört das auch zu den diffusen Plänen, die die Stadt Bonn neuerdings in bezug auf die freie Kulturszene zusammenschmiedet? Nein, keine Sorge, die Bühne hinter dem Fiddlers steht noch. Sie wurde vielmehr Schauplatz einer faszinierenden Gastspiel-Inszenierung, die im Rahmen des diesjährigen scene:ungarn-Festivals in Bonn Halt machte. Mit viel Liebe zum Detail hatte das internationale Theater-Projekt "Space" den Bühnenraum zur Ausstellungshalle umfunktioniert. In typisch-kalter Stangenoptik blickte das Publikum auf die Rekonstruktion eines typischen Wohnraumes des Jahres 2010. Die Führerin Petra Ardai begrüßte in charmantem Englisch das Publikum und freute sich, dass alle so wunderbar authentische "Kostüme" erhalten hatten. Lasset die Führung beginnen 2060 ist alles etwas anders: Die Leute leben in vollkommener Harmonie. Mit sich selbst, aber auch miteinander. Nationalität oder Aussehen spielen keine Rolle mehr, jeder ist freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Eben ganz anders als es noch im Jahre 2010 war. Die Museumspädagogen Luc van Loo (aus den Niederlanden), Li Yang (aus China) und Ardai haben sich in jahrelanger Forschungsarbeit intensiv mit der Lebensweise eines Durchschnitts-Paares aus dem Jahr 2010 auseinandergesetzt und können nun interessante Ergebnisse präsentieren. Etwa anhand von Fotografien aus dem Schlafzimmer, die das Paar mit sorgenverzerrtem Gesicht im Bett zeigen. Offenbar verschwendete man einst unglaublich viel Zeit mit Sorgen und Was-wäre-wenn-Spielchen. Sollte ich meinen Job kündigen oder behalten? Soll ich meinen Partner verlassen oder bleiben? Hätte ich heute mehr erledigen können? Was ziehe ich morgen an? Da fällt dem Besucher auch nicht mehr ein, als amüsiert den Kopf zu schütteln. Das mysteriöse Leben 2010 Es werden Szenen nachgestellt von einem merkwürdigen Ritual, das offenbar unglaublich weit verbreitet war und sich "Fernsehen" nannte. In der Küche nahm man damals Tiere, köpfte, würzte, briet und aß sie danach. Sehr seltsam! Doch die Welt des Jahres 2010 war noch weitaus kurioser, und zwar außerhalb der heimischen vier Wände. Also dann: raus aus dem kleinen Bühnenraum, rein in die Kulissenwelt, die man außerhalb aufgebaut hat. Auf zu einem Spaziergang durch Endenich! Mit Headsets bewaffnet schob sich der kleine Pulk unter Führung von van Loo und Ardai durch das Kulturviertel. Über die Kopfhörer erläuterte eine Stimme die Geschichte der letzten 50 Jahre. Man erfährt viel über die Lebens- und Denkweise der Menschen von damals, lernt dabei, dass sie stets ängstlich und verbittert waren. Um einen herum wuseln allerhand "Mitarbeiter", die jedoch als Statisten Menschen von 2010 spielen sollen. Dementsprechend skurril erscheinen ihre Antworten, wenn Ardai sie im Gehen anhält und nach ihrem Gefühl über 2010 befragt. Sie spielen ihre Rollen gut, tun sie doch tatsächlich so, als hielten sie die Museumsgruppe für leicht verrückt… The Melon-Ceremony Auf dem Weg zurück zum Ausstellungsraum im Museum wird dann auch endlich Li Yang wiedergefunden, die eindrucksvoll eine Opernarie im Portal der Maria Magdalena-Kirche darbringt. Gemeinsam schafft man auch die letzten Meter, erfährt dabei, dass 2010 eine Art Epidemie namens Internet um sich griff und die Menschen mehr und mehr isolierte. Ein Glück, dass in genau diesem Moment die Wolke aufzog. Zeit für die "Melon Ceremony": während die Melone im Kreis herumgereicht wird, darf sich jeder, der sie hält, etwas wünschen. Vielleicht ist es der Wunsch nach einem Mehr von "The Cloud". Hut ab vor dem "Space"-Emsemble. Sie haben nicht einfach nur einen guten, gesellschaftskritischen Stoff mit geradezu philosophischer Tiefe in ein innovatives Mitmach-Theater-Konzept verpackt, sondern wahrlich das "Museum of 2010" erschaffen, in das man einsteigt und regelrecht eingesogen wird. Für knapp anderthalb Stunden blickt man von außen auf seine eigene Welt, lernt sie aus neuem Blickwinkel kennen. Am Ende bleiben Fragen über Fragen: Warum sind wir so banal geworden? Und warum lassen wir es zu, dass diese Entwicklung sich fortsetzen kann? Die Diskussionen der After-Show-Party, zu der das Ensemble freigiebig auf der Bühne einlud, hatte auf jeden Fall einiges an Zündstoff. Was will man von einem guten Theaterabend mehr? Hier geht’s zur Homepage von Space. theaterimballsaal. Zur Festivalhomepage. Scene Ungarn in NRW bei Facebook und Twitter.
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