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Von April bis Juli 2010 findet in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten das Kulturfestival Scene Ungarn in NRW statt. 109 Künstler und Kompanien aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film, Kunst und Dialog geben Einblicke in die zeitgenössische ungarische Kulturszene. Ein klassisches Kasper-Stück am 23. April im Theater in der Brotfarbik: "Die gestohlene Geburtstagstorte". Natürlich mit Kasper, der Großmutter, der Prinzessin, dem Krokodil, Seppel und dem Postboten. Das Stück verspricht ein wenig Dramatik, dann natürlich eine Menge Spaß, Spannung, einen ja gänzlich unerwarteten Wendepunkt und ein glückliches Ende. Genau so hat es der Puppenspieler geplant. Vielmehr planen müssen, denn sein eigentliches Vorhaben, Shakespeares "Macbeth" zu inszenieren, scheiterte, weil er keine Besetzung für die Hauptrolle finden konnte: Kaspers Stimme paßte nämlich einfach nicht. Also lieber den Klassiker, auch wenn die Requisiten fehlen. Da muß man als Puppe eben ein wenig improvisieren. Schließlich sind ja alle Profis. Nich bloß Holz im Schädel Doch das Vorhaben scheitert, denn die Puppen haben ihren eigenen Kopf. Besonders Kasper mißfällt der umgeworfene Spielplan. In der Mitte des Stückes platzt ihm dann der Kragen: Verschwörerisch aufbegehrend inszeniert er in Eigenregie doch noch Macbeth, wendet sich dabei bewußt gegen seinen Puppenspieler, der natürlich nichts von allem merken darf. Das Stück gerät aber außer Kontrolle. Es zieht die Hautpdarsteller so sehr in seinen Bann, daß sie die Realität im Puppentheater mit dem Shakespeare-Stoff vermischen. Heraus kommt ein verzweifelt-grausamer Kasper, der zu tief in die Macbeth-Rolle eingetaucht ist und gar nicht merkt, wie sehr er auch hier Kasper ist; ein skrupelloser Seppel, der sich als Lady Macbeth vom trottelig-harmlosen Kumpan in einen satanisch-pragmatischen Vollstrecker verwandelt; und ein Direktor, der die Rolle des MacDuff letztlich bis zum äußersten ausfüllen muß. Anstelle des Königs wird der Puppenspieler ermordet. Die Puppen durchleiden am eigenen Leib den Shakespeare-Stoff, und am Schluß ist es vorlagengetreu der "Ausgeschnitzte", der dem ganzen Spuk mit dem Schwert (der einzigen Macbeth-Requisite) Einhalt gebieten muß. Viele tote "Schauspieler", ein gemordeter und verstümmelter Puppenspieler sowie die bittere Einsicht bleiben übrig: "Nie wieder Theater!" Tiefgang in der "Puppenkiste" Dem Zuschauer präsentiert sich die Puppenwelt weit weniger harmlos, als es bei einem Kaspertheater im allgemeinen der Fall zu sein scheint. Neid und Mißgunst, dann natürlich verletzter Stolz, drastische Auflehnung gegen denjenigen, der das eigene Talent schändlich verachtet: bei den Puppen geht es zu wie im Menschentheater, und genaugenommen sogar noch viel krasser. Denn Puppen sind Puppen, nur für den einen Zweck geschaffen, Theater zu spielen. Und das tun sie, das wollen sie tun und das allein können sie tun; aber doch nur in ihrer Welt. Der Ausbruch aus dem eigenen behüteten "Schrank" muß sie also zwangsläufig überfordern und in eine Katastrophe führen, nach der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Diese unbedingte Konsequenz deutet das Stück schon vor der Wende zwischen Kaspertheater und Macbeth an: wenn sich das Krokodil nicht mehr bloß im Spiel trollt, und wenn die Prinzessin die Szene komplett verläßt, um echte Blumen zu holen, da die Bühne aufgrund der Umplanung in letzter Minute ja keine Requisiten bereitstellt. Die Blumen bringt sie am Schluß auch tatsächlich, nebst einer Karte vom Krokodil aus Afrika. Und so, wie das nämlich auf einmal schreiben kann, ist auch die Macbeth-Inszenierung Teil der "reifen" Wirklichkeit geworden. Echte Blumen für ein echtes Schlachtfeld in der vorderhand niedlichen Puppenkiste – Symbol für forsche Abnabelung, die als einziger grausamer Fehlschlag endet, an dem schlußendlich die kleine "Welt im Kasten" zugrundegeht. Ganz groß die Kleinen Dieses blutige "Emanzipationseigentor" ist intelligent inszeniert, herrlich witzig und im besten Sinne skurril. Dabei auch eine deutliche Spur makaber und wirklich hintergründig. Obendrein wird Shakespeare beeindruckend umgesetzt. Gyula Molnár hat ein wunderbar vielschichtiges Kasperstück geschaffen. Hier übernehmen die Puppen nicht nur in der Geschichte die Herrschaft, sondern auch auf der Ebene der tatsächlichen Vorstellung. Denn sie sind nicht bloß Holzköpfe auf Händen, sondern eigene Schauspieler-Persönlichkeiten mit allen dazugehörenden Allüren. Zu Recht gab es für die italienische Originalproduktion mit dem venezianischen Puppenspieler Gigio Brunello den "Premio della Critica Teatrale", einen wichtigen italienischen Theaterpreis. In der großartigen deutschen Version der "Thalias Kompagnons" erweckt Tristan Vogt die Puppen ebenfalls preisverdächtig zum Leben. So wird aus Kaspertheater echtes und auch großes Theater, das keinen Vergleich mit dem vermeintlich "realeren" großen Bruder scheuen muß. Und auch wenn Molnár gar keine Zukunftsskizze für das Puppentheater zeichnen wollte: als solche taugt "Macbeth für Anfänger" trotzdem sehr gut! Ein großartige Bereicherung wäre es in jedem Falle, wenn es in dieser Form eine breite Renaissance erlebte. Im Rahmen der Scene Ungarn gibt es leider keine weitere Vorstellung mehr. Zur Festivalhomepage. Scene Ungarn in NRW bei Facebook und Twitter.
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